Cannabis und Kaffee – müssen wir neu denken?

In den letzten Stunden und Tagen wurde meine Facebook-Timeline mit der neuen Info zugebombt, dass Kaffee genauso im Gehirn wirken würde, wie Cannabis. Egal ob Hanf-Magazin oder Business-Insider: Die News wurde kreuz und quer durch meine Soziale-Medien-Filterblase katapultiert, das Thema scheint also auch für Redaktionen fernab der typischen Cannabis-Magazine interessant zu sein. Oder die Leserschaft des Business Insider hat einen besonders engen Bezug zu Cannabis und Kaffee.

Jedenfalls sorgte eine neue Studie der Feinberg School of Medicine für Furore, in denen 47 finnische Kaffeetrinker drei Monate lang drei verschieden hohe Tagesdosen Kaffee zu sich nehmen mussten und regelmäßig Blutproben abgaben. Im ersten Monat tranken die Probanden keinen Kaffee, im zweiten Monat jeden Tag vier Tassen und im dritten Monat acht Tassen pro Tag. Das Ergebnis? Analog zum Anstieg der täglichen Kaffeeration verringerte sich die Dichte der Neurotransmitter des Endocannabinoid-Systems. Cannabis wirkt in Folge schlechter, weil durch den Kaffeekonsum eine Kettenreaktion ausgelöst wird, die für den Neurotransmitter-Schwund verantwortlich ist. Dadurch docken Cannabinoide nur noch in geringerer Zahl an die Rezeptoren an und bekannte Folgereaktionen wie Heißhunger oder Bewusstseinserweiterung werden gehemmt.

Der Business-Insider hat zur Beschreibung der Wirkung von Cannabis in unserem Körper die irreführende Formulierung verwendet, dass „Cannabis unser Endocannabinoid-System ansteigen“ lasse, was natürlich verbaler und faktischer Quatsch ist. Richtig wäre: Bei einem Anstieg der sich im Körper befindlichen Cannabinoide, beim Konsum von THC-haltigem Cannabis ein Anstieg von THC, binden sich diese an den Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems (CB1 und CB2) und lösen damit verschiedene Folgereaktionen in unserem Körper aus. Dabei kann es auf Grund der Ausschüttung verschiedener Hormone wie Dopamin oder Serotonin zu einer Stress- und Schmerzlinderung kommen, außerdem scheinen Cannabinoide auch einen Einfluss auf unser Stoffwechselsystem zu haben (Warum sonst bekommen wir immer wieder die Munchies?).

In der Studie, geleitet durch PhD Marilyn Cornelis, haben Forscher den Probanden in jedem Kaffee-Stadium Blut abgenommen und stellten mit höherem Kaffee-Konsum eine Veränderung an 115 Blut-Metaboliten fest. Bei Metaboliten handelt es sich laut Wikipedia um Zwischenprodukte „in einem meist chemischen Stoffwechselweg“. Die Studie untersuchte also ergebnisoffen nach Ansatzpunkten, um die körpereigenen Veränderungen auf Grund des Kaffee-Konsums untersuchen zu können. Die in jedem Fall flüchtigen Metabolite sind dafür ein guter Ansatz, denn auf Grund ihrer Beschaffenheit, dass sie sich im Laufe eines Stoffwechselprozesses stetig ändern, kann man durch Metabolite Momentaufnahmen unserer Stoffwechselprozesse anfertigen. Denn vor oder nach einem bestimmten Zeitpunkt existieren auf Grund der vielen systematischen Umsetzungsprozesse innerhalb eines Stoffwechselprozesses ganz andere Metabolite – perfekt, um das Blut unter bestimmten Umständen zu vergleichen. Der bestimmende Unterschied in der Studie war der variierende Kaffee-Konsum. Über drei Monate wurde das Blut von Menschen untersucht, die erst einen Monat gar keinen Kaffee tranken, im zweiten Monat jeden Tag vier Tassen und im dritten Monat jeden Tag acht Tassen. Cannabis war kein Thema bei der Formulierung der Studie.

Ergebnis der Studie war vorerst, dass der Genuss von Kaffee Auswirkungen auf 30 mehr Metabolite ausübt, als vorerst angenommen. Während bestimmter Stoffwechselprozesse komme es also zu anderen Zwischenprodukten, als wenn man keinen Kaffee trinken würde. Vor der Studie waren 33 Stoffwechselwege bekannt, auf die Kaffee einen Einfluss hat. Nach der Studie werden in den nächsten Monaten wahrscheinlich noch einige dazu kommen.

Doch was bewirkt die verringerte Zahl an Neuro-Transmittern im Endocannabinoid-System?

Grundsätzlich sind Neurotransmitter als Teil einer Nervenzelle dafür verantwortlich, dass Impulse oder Botschaften von einer Nervenzelle in die nächste gelangen. Wie das genau funktioniert, kannst du dir im verlinkten YouTube-Video ansehen. Das in der Studie aufgezeigte Defizit an Neuro-Transmittern lässt sich aber zum Glück auch ohne viel theoretisches Hintergrundwissen fassen: Weniger Neurotransmitter bedeuten, dass die Signalübertragung langsamer/unvollständiger stattfindet und deshalb in der gleichen Zeit weniger Informationen transportiert werden können. Fehlen Neurotransmitter, die dafür sorgen, dass wir high werden, werden wir wohl schwächer high als im Normalzustand, da weniger Informationen durchkommen bzw. auf dem Weg verloren werden. Sehr bildhaft, aber in groben Zügen lässt sich das so beschreiben.

Nachdem festgestellt wurde, dass sich bei erhöhtem Kaffee-Konsum weniger Neurotransmitter des Endocannabinoid-Systems in den Nervenzellen befinden, und der Erkenntnis, dass sich Kaffee-Konsum auf mehr Stoffwechselprozesse auswirkt, als bisher angenommen, muss eigentlich nur noch eins und eins zusammengezählt werden, um die Vermutung aufzustellen, dass Cannabis und Kaffee eine bisher ungeklärte Symbiose eingehen. Denn genau wie bei Kaffee, sind sich Forscher von Tag zu Tag immer sicherer, dass sich auch Cannabis auf Stoffwechselprozesse auswirkt. Inwiefern beeinflussen Kaffee und Cannabis unseren Stoffwechsel? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird in Zukunft wahrscheinlich noch genauer untersucht, warum sich der Konsum von Kaffee auf die Anzahl der Neurotransmitter des Endocannabinoid-Systems auswirkt. Cannabis und Kaffee sind beides Substanzen, die sich auf unser Dopaminlevel, unser Stressempfinden und unseren Stoffwechsel auswirken. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringen wird.

Cannabis und Kaffee – Zwei Gegenpole?

Metaboliten, Cannabinoide, Stress: Damit hat sich Ende 2014 diepresse.com auseinandergesetzt. Bei metabolischen Syndromen (Stoffwechselkrankheiten) wie Fettleibigkeit oder Insulininsuffizienz könnte ein Cannabinoid-Mangel auftreten, der dazu führen kann, dass die körperinternen Signale nicht in der korrekten Ausprägung abgegeben werden, sondern zu hoch oder zu niedrig dosiert. Bei Müttern könnte das für heranwachsende Embryos zum Problem werden, so eine Studie des Zentrums für Hirnforschung an der Med-Uni Wien.

Klingt erstmal nicht so gut, wenn der körpereigene Cannabinoid-Haushalt aus dem Gleichgewicht gerät. Vielleicht sollten werdende Mütter deshalb keinen Kaffee während der Schwangerschaft trinken? Immerhin gibt es Erhebungen, die die schädigenden Wirkungen von Koffein während der Schwangerschaft ermitteln. So sinkt laut einer norwegischen Studie das Geburtsgewicht eines Säuglings bei der Aufnahme von täglich 100mg Koffein schon um 21 bis 28 Gramm. Außerdem steigt nach einer dänischen Studie auch das Risiko einer Frühgeburt.

Sowohl die Aufnahme von Kaffee, als auch der Konsum von Cannabis sind laut Studien also schädlich für sich entwickelnde Babies. Cannabinoide haben einen wichtigen Einfluss auf die Dosierung von Botenstoffen und Signalen in unserem Nervensystem. Der Cannabinoid-Spiegel sollte dafür möglichst konstant sein, also nicht zu hoch und nicht zu niedrig. Dafür wird zum Beispiel das körpereigene Cannabinoid, das Glückshormon Anandamid produziert. Der Konsum von Cannabis erhöht die Cannabinoid-Konzentrationen im Körper, weshalb es auch als Medikament für Schmerzpatienten eingesetzt wird, da deren Dopaminspiegel chronisch im Keller ist. Dem kann mit Cannabis entgegengewirkt werden.

Stress sorgt auch für einen im Gegensatz zum Stresshormon Kortisol geringen Dopamin-Spiegel, weshalb man im gestressten Zustand manchmal nicht high wird, sondern erstmal normal, ausgeglichen. Bei chronischem Stress wird vermehrt das Stress-Hormon Kortisol ausgeschüttet, wodurch mehr Anandamid zur Stressbekämpfung nötig ist. Da Anandamid jedoch nicht in unendlicher Menge produziert werden kann, um den empfundenen Stress durch eine hohe Dopamin- bzw. Serotonin-Konzentration zu senken, kann in dem Fall bspw. THC den Gesamt-Cannabinoid-Spiegel auf das nötige Niveau anheben und so dafür sorgen, dass alle nachgelagerten Prozesse wie gewohnt stattfinden können. Deshalb spricht Cem Özdemir wahrscheinlich auch so gern vom Feierabendjoint – denn nichts ist entspannter, als den stressigen Politiker-Alltag mit einem beruhigenden Joint ausklingen zu lassen.

Kaffee und Cannabis – kann man das noch zusammen genießen?

Laut einem Artikel der Welt wirkt die morgendliche Tasse Kaffee nicht sehr förderlich. Grund ist die durch die natürliche Uhr angetriebene Kortisol-Ausschüttung, die uns dreimal am Tag heimsucht. Von 8:00-9:00, 12:00-13:00 und 17:30-18:30. Wenn innerhalb dieser Zeiten Kaffee getrunken wird, führt das zu einem überdurchschnittlich hohen Kortisol-Ausstoß. Man fühle sich anschließend ängstlicher, erschöpfter und sei anfälliger für Stresssituationen. Die Welt empfiehlt, sich nur zwischen diesen Zeiten dem schwarzen Genuss hinzugeben.

Das bekräftigt unseren ersten Artikel über Cannabis und Kaffee, in dem wir eine Studie mit Mäusen zitiert haben, bei der die gleichzeitige Aufnahme von Koffein und THC untersucht wurde. Ergebnis der Studie: Im Gegensatz zu Mäusen, die sich nur an einem THC-Spender bedienen durften, griffen die Mäuse, die einen Koffein+THC-Spender zur Verfügung hatten, öfter zu dem verführerischen Gemisch. Das Koffein als Stressförderer und das THC als Stresshemmer. Fehlt der „Stressförderer“, sinkt auch der Bedarf nach dem Stress-Gegenmittel. Ist der Kortisol-Spiegel hoch, muss auch der Dopaminspiegel hochgetrieben werden, um ein ausgeglichenes Gefühl zu haben.

Ohne die weiteren Ergebnisse der anfangs zitierten Studie voraussagen zu können, bleibt das Thema Cannabis und Kaffee überraschend spannend. Auf Grund der momentanen Faktenlage vermute ich, dass Cannabis und Kaffee zusammen konsumiert wohl je nach Setting sehr unterschiedlich zusammenwirken können. Allein schon deshalb, weil unsere Kortisol-Abgabe so konzentriert über den Tag verteilt stattfindet. Interessant bleibt für mich, welche Folgen die fehlenden Neurotransmitter des Endo-Cannabinoid-Systems auf Grund von zu viel Kaffee für uns bedeuten. Wirklich wichtig ist ja letzten Endes, ob wir durch Kaffee mehr Stress empfinden, ob Cannabis bei gleichzeitigem Kaffee-Konsum schlechter wirkt und ob unsere Stoffwechselprozesse durch Kaffee (und Cannabis) zum guten oder schlechten verändert werden. Könnte alles sein, muss es aber nicht. Die momentane Faktenlage ist noch zu dünn, um Zusammenhänge sicher darzustellen.

Bis dahin werden wir weiterhin unseren Kaffee zum Joint schlürfen.

Lorenz

Lieblingsfarbe Grün - Farbe der Hoffnung, Farbe meiner politischen Heimat und Farbe meines Lieblingskrauts. Weitere Buzzwords meines Lebens sind Fotografie, Reisen und die Liebe zum geschriebenen Wort. 1997 wurde ich im tiefsten Osten geboren und bin trotzdem (oder gerade deswegen?) ein linksgrünversiffter Gutmensch geworden. Nach 1,5 interessanten Jahren dualer Studiertätigkeit im Fach Wirtschaftsinformatik widme ich mich mich im Moment ganz im Sinne meiner Bloggertätigkeit einem Bachelor in Gartenbau.

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