Cannafest Prag: Tschechisch trostlose Traurigkeit

Ich habe mich im Vorfeld ehrlich darüber gefreut, die angeblich weltgrößte Hanfmesse zu besuchen. Die Cannafest in Prag. Ich habe mir endlose Messehallen vorgestellt, nette Leute, viel Buffen und positive Vibes. Quasi Mary Jane plus. Doch am Ende kam alles anders und ich bin mir gerade überhaupt nicht mehr sicher, ob Cannabis-Messen überhaupt noch einen Besuch (für mich) Wert sind. Denn mal ehrlich: Wochenenden kann man auch ansprechender für sich gestalten, als sich mit absatzwütigen Unternehmern rumzuplagen.

Doch der Reihe nach. Allein die Akkreditierung warf schon einen leichten Schatten auf das kommende Ereignis. Kommunikationsmitarbeiterin Barbora wollte für die Akkreditierung – der Eintritt hätte wohlgemerkt nur um die 10 EUR gekostet – etliche Gegenleistungen einfordern. So sollte ich auf Facebook und Instagram das messeeigene PR-Material teilen und Nachweise senden. Wäre das Material nicht so optisch abstoßend gewesen, hätte ich mir das vielleicht sogar überlegt – aber an den Designs führte für mich jeder Weg vorbei. Ich unternahm also nichts – ich fand mich schon damit ab, die 10 EUR einfach zu zahlen. Ich hatte sowieso nur den Sonntag in Planung, schließlich ist Prag nur ca. 2 Stunden von Dresden entfernt. Internationaler Bahnverkehr sorgt für eine unterbrechungsfreie Fahrt zum Super-Sparpreis.

Plot Twist:

Ein paar Tage vor Messebeginn schrieb mir dann doch noch einmal die gute Barbora und teilte mir Details für die Messe mit und meine erfolgreiche Akkreditierung. Also konnte es nach einer durchfeierten Nacht viel zu früh am Morgen (ist Sonntag 8:00 schon Morgen?) auch ohne teilen trashigen Infomaterials guten Mutes losgehen zur „weltweit größten Hanfmesse“. Thermoskanne Kaffee im Gepäck, Joints mit The Truth und OG Kush Dry Sift Hasch in der Königsmische und einen guten Freund als Fotograf auf dem Nebensitz, ging es mit dem Eurocity von Dresden direkt ins Herz Tschechiens. Absturz in die osteuropäische Realität, lediglich die blitzblanken rot-silbernen U-Bahnen lassen erahnen, dass wir uns immer noch in der wohlhabenden EU bewegen.

Ohne weitere Prag-Eindrücke an diesem wunderbar durchgegrauten Tag einfangen zu können, ging es unterirdisch zur Endstation der Linie C. Dort befand sich bereits in Sichtweite das Messegelände „EVA Expo Praha“ – und es sah nicht groß aus. Vor allem nicht wie die „weltgrößte Cannabis-Messe“, wie es im PR-Material so verlockend heißt. Aber gut, auch eine normalgroße Messe kann ja charmant aufgemacht sein. Mit diesem positiven Hintergedanken im Kopf gingen wir Minuten später durch ein knallgrünes, mit Luft aufgeblasenes Eingangstor rein in die Messe. Vor dem Gummi-Luft-Durchgang trommelte ein Straßenkünstler munter auf Alltagsgegenstände wie Plastik-Gurkeneimer oder Omas ausrangierte Topfdeckel. Das ist cool, sie haben doch tatsächlich die für Prag bekannte Straßenkunst in die Messe integriert!

Dann ging es direkt zum VIP-Presse-Eingang, wo man uns misstrauisch empfing. „Welcher geladene Gast kommt denn erst Sonntag?“, war der O-Ton, der unausgesprochen in der Luft lag. Nach fünf Minuten waren wir dann jedoch ziemlich willkommen und durften passieren.

Auf der Messe an sich gab es das, was es auf einer europäischen Cannabis-Messe eben so gibt: CBD-Blüten, CBD-Konzentrate, CBD-Eis, CBD-Schokolade, CBD-Gummibärchen, mineralischen Dünger, Bio-Dünger, Fledermaus-Kacke, Erde-Anbieter, Hydrosysteme, Aktivkohle-Filter, sowohl für den Joint, als auch für das ambitionierte Gewächshausprojekt,  GrowBoxen, billige Bongs, Kataloge, LED-Lampen, CMH-Lampen, NDL-Lampen, Analyse-Labore und allerlei Fressstände mit zu kleinen Portionen für zu hohe Preise.

Das liebevoll gestaltete Außengelände…

Lieblosigkeit, traurige Aufmachung und Kapitalorientierte Unternehmer, die versuchen, den Preis für den Messestand um jeden Preis wieder zu refinanzieren, sind auf der Cannafest in Prag deutlich eher die Regel als die Ausnahme. Das Außengelände war zwar mit zweckdienlichen Paletten-Sitzmöglichkeiten gespickt, sparte sich ansonsten jedoch jegliche Dekoration. Das resultierte darin, dass das Grau der Messehallen nahtlos ins Grau des Himmels überging. Mangels öffentlicher Raucherbereiche im Innenraum und meiner ablehnenden Haltung gegenüber ausgrenzender VIP-Bereiche entschieden wir uns dazu, in eben jener trist-grauen Umgebung unsere Königsmischen zu rauchen.

„Willkommen in meiner Hood Jungs“

Zivilbullen auf der Cannafest in Prag

Im Nicht-VIP-Bereich zu rauchen führte teilweise zu verwunderten Blicken tschechischer Messebesucher, die zum Großteil auf Tabak-Zigaretten statt Gras setzten. Nikotin scheint populärer zu sein als Gras. Anfangs machten wir uns noch nichts aus den Blicken, denn Rauchen an sich war in dem Bereich erlaubt. Bis zu dem Punkt, als mir auf einmal eine – wirklich hässliche! – Polizeimarke ins Gesicht gehalten wurde. Ich machte mir nichts daraus, denn die beiden Männer sahen einfach nur schlecht gekleidet aus, mit Fake-Turnschuhen und ansonsten einfach nur modisch chaotisch gekleidet. Ich zog also noch zwei-, dreimal am Joint, bis die beiden Männer anfingen, vom tschechischen ins „Do you speak english? Just english? Really just english?“ wechselten. Erst ab dem Moment wollte ich glauben, dass mir nicht zwei halbwegs verstrahlte Besucher mit so etwas ähnlichem wie einer Polizei-Marke vorm Gesicht rumwedelten und einfach nur Infos zu meinem Joint ergattern wollten, sondern leibhaftige Polizisten auf dem Weg zum nächsten Coup.

Ich handelte schnell und meinte nur „It’s just CBD“. In dem Moment nahm der markezeigende Zivilpolizist eine wirklich schnelle und definitiv nicht für eine qualitative Untersuchung taugende Geruchsprobe an meinem Joint. Ich musste ihn nicht einmal weggeben – nach einer nicht wahrnehmbaren Zeit der Entscheidung meinte er nur bestimmt und unter kopfnickender Beschwichtigung zu seinem Kollegen: „It’s just CBD, I smell it“.

Es war natürlich kein CBD.

Ganz und gar nicht zivil war dieser harte Bursche unterwegs. Natürlich mit einem CBD-Joint ausgestattet!

Sun State Hemp: Zu viel Bier, zu lange Joints und keinerlei Professionalität.

Vor ein paar Wochen schrieb ich einen sehr lobenden Artikel über ein sehr cooles CBD-Produkt: Die Gummiringe von Sun State Hemp mit 750mg CBD in der 30er-Packung [Link zum Test]. Ich ging also auf Grund eines kleinen Feedbacks zum Stand von Sun State Hemp, der wohlgemerkt ziemlich riesig war, und kam mit einem der Mitarbeiter ins Gespräch. Es war glaube ich sogar einer der Geschäftspartner und wir kamen bei ein paar mickrigen Gummitieren ein wenig ins Gespräch über dies und jenes und der Typ versprach mir, wenn ich noch einmal wiederkomme, mir ein paar Goodies mitzugeben. Da ich die CBD-Gummiringe wirklich gefeiert habe, freute ich mich natürlich über dieses Angebot – wer sagt schon nein zu für Studenten viel zu teuren CBD-Produkten!

Das Ende vom Lied war dann allerdings, dass ich nach zweifachem Wiederkommen zweimal vertröstet wurde und beim dritten Mal wollte er mir doch tatsächlich eine Vape-Cartridge mit 200mg CBD für 14 EUR verkaufen!! Ich meine: Nicht, dass ich auf seine Geschenke angewiesen wäre. Aber wenn er bei mir mit Versprechungen hausieren geht, kann er doch nicht so einen Move abziehen? Was sind das für Menschen? Die Mitarbeiter haben sich natürlich die ganze Zeit an den Gummitieren bedient und der Dude hatte mit fortschreitender Zeit immer längere Joints hinterm Ohr und immer mehr Bier im Becher. Also, Leute: Die Menschen von Sun State Hemp sind hochgradig unprofessionell, aber haben immerhin das ein oder andere schnieke Produkt am Start! Die Gummiringe könnt ihr auch nach wie vor bei Dabbing.de kaufen, dessen Betreiber hat mir damals auch die Gummiringe zum testen geschickt. [Link]

Dieser Joint hat wohl ein paar Synapsen falsch verbunden. Jedenfalls war der Gute nach erfolgtem Konsum im Gegensatz zu den Minuten und Stunden davor recht unlässig unterwegs und spielte sein Spiel mit mir.

Nette Gespräche mit Lukas von Blimburn Seeds

Die ganze versammelte Meute war nur auf Geld aus. Wer schon mal auf einer Hanf-Messe war, wird wissen, dass selbst für Papers und Tip-Blöcke meistens Geld verlangt wird. Oder am Glücksrad drehen kostet 2 EUR – gewinnen kann man immerhin den Plastik-Crusher vom Bulldog oder eine Packung Long-Papers. An nach Heu riechenden CBD-Blüten sollte man andauernd riechen – als ob mich der Geschmack von italienischem Heu zu einem Impulskauf für einen 10er Kurs animiert!

Entspannt hingegen war der Stand von Blimburn Seeds, wo mich Sales-Mensch Lukas zu einem spontanen Gespräch auf die standeigene Leder-Couch eingeladen hat. Da gab es natürlich auch ein paar Bonus-Seeds amerikanischer Genetiken, auf die Blimburn Seeds sich spezialisiert hat und die ein oder andere Anekdote aus dem Leben zweier Gras-Enthusiasten über amerikanisches Weed, kanadische Träume und das Leben als junger Mensch in der Weed-Industrie.

Sehr lecker war ein CBD-Eis, verfügbar in allerlei Geschmacksvariationen. Das wurde sogar für lau angeboten – so lockt man Menschen zu seinem Stand! Testnote sehr gut: Sowohl Geschmack, als auch Konsistenz wussten uns zu überzeugen. Checkt unbedingt mal die Website von Cannaice aus!

Canna Ice. Oberlecker.

Was ist so schwer an gutem Messe-Marketing?

Bei mir und meinem Begleiter hat sich über den Tag ein eher trüber Eindruck der Messe breitgemacht. Nicht nur wegen des Wetters, sondern vor allem auf Grund der schlechten Präsentation einiger Marken. Aussteller wie Düngerhersteller Canna oder Hydrounternehmen General Hydroponics konnten mit sehr anschaulichen Ständen begeistern – erstere hatten Mikroskope zum Beobachten von Schädlingen am Start und Infotafeln plus richtige Pflanzen mit ausgewiesenen Mangelerscheinungen. General Hydroponics hatte alle erhältlichen Hydro-Kultur-Systeme am Start – zum Anfassen, auseinanderbauen und voll funktionsfähig mit Pflanzen bestückt. Beide haben bewiesen, dass sie für ihre jeweilige Nische ein gutes Marketing-Konzept realisieren können. Gleiches gilt für Growbox- oder Lampen-Hersteller, die ihre Stände mit grünen Pflanzen adäquat in Szene setzen konnten.

Am Stand von Canna schaue ich mir ein paar gängige und auch weniger gewöhnliche Schädlinge an.

Konsumnähere Marken mit ihren Ständen können natürlich nicht mit Pflanzen ankommen und müssen einen anderen Anreiz schaffen. Im Falle von CBD-Blüten war die Taktik dann wohl, die Leute einmal dran riechen zu lassen und so zu einem Kauf (von Heu) zu bewegen. Das war es dann aber auch schon – CBD-Schokolade oder -Gummibärchen konnte man meist nicht kosten, Papers bekommt man allenfalls als Goodie zu einem Einkauf dazu. CBD-Blüten-Samples oder Kostproben von Edibles wären an der Stelle wahrscheinlich deutlich attraktiver gewesen – denn warum sollte ich die Katze im Sack kaufen? Eigentlich kaufe ich doch, wenn ich von einem Produkt überzeugt bin, und nicht, weil es viel kostet und eine nette Verpackung aufweist. Ansonsten bräuchte ich ja nicht auf die Messe gehen, sondern kann auch ganz entspannt im Online-Shop meines Vertrauens durchs Sortiment scrollen.

Nicht ganz scharf – aber am Stand von General Hydroponics geht dem Gartenbau-Student ein Herz auf 😀

Schweizer CBD-Blüten für’n 4er Kurs

Mich persönlich konnten mangels Kostproben lediglich Schilder und Plakate überzeugen. Bei CBD-Blüten vor allem mit CBD-Gehältern und natürlich fotogene Blüten. Oft sahen die Blüten leider nicht sehr ansprechend aus, meistens braun, mit vielen und langen Blütenblättern und geringen CBD-Konzentrationen. Geruch sowieso Heu. Ausnahmen von dem italienischen Einheitsbrei, den man vorzugsweise in marktschreierischer Manier angeboten bekam, mit der Bitte daran zu riechen, sah man bei den Schweizern. Denn unsere Eidgenossen wissen mittlerweile ganz gut, wie sie CBD-Blüten in hoher Qualität produzieren können. Indoor, schöne Blütenstruktur, dicht, gar nicht mal sooo heuig. Zumindest kommen andere Terpene deutlich durch und man erspäht mindestens so viele Harzköpfe wie auf der in Deutschland weit verbreiteten albanischen Hecke (THC). Wie gesagt, mindestens.

Schweizer CBD-Gras brennt mit schöner weißer Asche ab.

Natürlich war auch das CBD-Gras vom Schweizer Hersteller Marry Jane nicht umsonst, aber erschien mir für 4 EUR pro Gramm recht günstig. Klar, man spürt keine mit THC vergleichbare Wirkung – aber manchmal möchte man ja auch einen Joint ohne psychedelische Wirkung genüsslich konsumieren können. Und geschmacklich kann das CBD-Gras erstaunlicherweise fast mit meinem spanischen Gras mithalten!

Fazit Cannafest Prag:

Wenn ihr nicht gezwungen werdet, lasst die Cannafest in Prag sausen. Fliegt lieber mal nach Spanien auf die Spannabis, fahrt nach Berlin auf die Mary Jane oder besucht gleich eine hochkarätige Veranstaltung wie die Cannabis Normal. Alternativ macht einfach irgendwo einen Weed-Urlaub ohne den ganzen Kommerz-Kram – der macht am Ende des Tages nur krank und Gras sollte doch eigentlich entspannen.

Die Bilder stammen diesmal von _johann_schndr_ (Instagram)

Lorenz

Lieblingsfarbe Grün - Farbe der Hoffnung, Farbe meiner politischen Heimat und Farbe meines Lieblingskrauts. Weitere Buzzwords meines Lebens sind Fotografie, Reisen und die Liebe zum geschriebenen Wort. 1997 wurde ich im tiefsten Osten geboren und bin trotzdem (oder gerade deswegen?) ein linksgrünversiffter Gutmensch geworden. Nach 1,5 interessanten Jahren dualer Studiertätigkeit im Fach Wirtschaftsinformatik widme ich mich mich im Moment ganz im Sinne meiner Bloggertätigkeit einem Bachelor in Gartenbau.

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