Der große Leak: Das kostet Cannabis aus der Apotheke wirklich

Was kostet das Gras und wie kommt der Preis zustande? Kein Dealer möchte sich gern in die Karten schauen lassen. Der eine nicht, weil er zu viel verdient. Und der kleine Ticker möchte nicht die Kifferkumpels wissen lassen, dass nur ein oder zwei Euronen an jedem Gramm hängenbleiben. Das wäre schlecht fürs Gangster-Image.

Die richtig dicken Fische aber sitzen in der Pharmaindustrie. Da liegt die Frage nahe, was kostet das Gras, dass die Apotheken beziehen? Die verkaufen, nein: sie stellen es berechtigten Patienten zur Verfügung für eine minimale Schutzgebühr von gut und gerne 25 € pro Grämmchen. Aber was bezahlen die Apotheker für die wertvolle Importware? Wir haben uns also mal die Preisliste eines beliebten kanadischen Großhändlers angesehen und waren überrascht.

Ein Gramm Gras in konsumfertigen Portionen kostet nämlich nur ein bisschen weniger als ein Zehner. Alle Pedanios-Sorten gibt es schon für 8,90 € das Gramm, also 89,- € für die 10-Gramm-Portion. Die 5-Gramm Packs Bedrocan, Bediol und Bedrobinol sind mit 47,50 € und damit 9,50 €/Gramm nicht viel teurer.

Wenn wir also mit einem Grammpreis von 9 € Rechnen und den Endverbraucherpreis bei 25 € ansetzen, dann bleiben in den Apotheken 16 € und damit gut 170% Marge hängen. Nicht schlecht, bei hochwertigen Sportartikeln können vielleicht 80 bis 100% Händlermarge erreicht werden, bei allen anderen Konsumgütern sind die Gewinne wesentlich kleiner. Hätte man besser mal Pharmazie studiert. Und da fragen wir uns doch:

Haben die das verdient?

Klar, die hohen Endverbraucher- sorry: Patienten-Preise sind dem Umstand geschuldet, dass in Deutschland immer noch kein Medizinal-Weed angebaut wird. Würde eine deutsche Agentur von deutschen Farmen kaufen, könnte sie den Apotheken Gras für 3 Euro anbieten, dann wäre mit derselben Marge der Endpreis wieder bei 8 bis 9 Euro, also ziemlich genau das, was wir normalen Menschen eben alle so für unser Gras bezahlen. Sollten wir uns vielleicht mit unserem Anliegen für nationales Weed mal an die AfD wenden, damit die auch mal was gesellschaftlich wertvolles leisten können? Spaß beiseite, fragen wir lieber vernünftig weiter:

Wie kommen die Margen zustande?

Apothekenwesen gehört zu den am stärksten regulierten Geschäften in Deutschland. Apotheker sind selbstständige Unternehmer, deren Geschäftsgebaren aber durch Gesetze aufs genaueste reguliert ist. Das soll die Versorgung sichern, die Patienten schützen und sichert den Apothekern ihre Geschäfte. Die Preisgestaltung ist penibel im Gesetz, der Arzneimittelpreisverordnung, geregelt. Apotheker sind also selbständige Unternehmer, deren Einkommen vorgeschrieben ist wie die Besoldung von Beamten. Der Deal ist: Wir sichern Eure Versorgung, Ihr garantiert uns dafür unser Geschäft. In Zeiten, in denen die Krankenkassen jedes Zipperlein erstattet haben, störte das keinen. Heute haben wir haufenweise Zuzahlungen und das teuersten Gesundheitssystem der Welt.

Auch wenn wir sie ihnen nicht gönnen: Die Apotheker können ihre Aufpreise durchaus rechtfertigen., Betriebswirtschaftlich und unter Berücksichtigung des besonderen Warencharakters eines Medikamentes. Es läuft ja nicht so wie in der Tickerwohnung, aus dem Beutel auf die Waage und dann ins Baggy. Apotheken legen keine Vorräte an, sondern sie bestellen bei Bedarf. Dann müssen sie jede Portion einzeln prüfen, denn loses Gras ist in Deutschland ein Zubereitung. Der Apotheker gilt als verantwortlicher Medikamentenhersteller. Für Zubereitungen muss die Apotheke übrigens ungeachtet aller weiteren Aufschläge erst mal 90% des Einkaufspreises berechnen. Die armen, sie können gar nicht anders!

Die Identitätsprüfung ist wiederum genau vorgeschrieben. Zunächst mal wird, genau wie bei uns zu Hause auch, das Gras angefasst und angesehen. Dann wird es wissenschaftlich, man hat schließlich ein Weißkittel-Studium. Unter dem Mikroskop müssen die Trichome und das andere Pflanzen-Zeugs identifiziert werden.

Weiter geht’s mit Laborspielzeug, jetzt ist nämlich eine chromatographische Analyse vorgeschrieben. Aber nicht der teure Gaschromatograph kommt hier zum Einsatz, der aufs genaueste misst, was in welcher Menge vorhanden. Für die Identität von THC – und CBD – reicht eine normale Dünnschichtchromatographie auf Kieselgel. Das ist die Methode, wo man im Biounterricht Filzstiftflecken auf einem Löschpapier in Flüssigkeit stellt und schaut, wie weit die Farben wandern. Das sieht ein bißchen albern aus und im Prinzip kann das jeder, aber die Methode liefert tatsächlich sehr präzise qualitative Aussagen. Wenn ein Krümel Gras erst mal in Methanol gelöst und mit Essigsäure versetzt wurde, geht’s los. Die individuellen Eigenschaften des Moleküls bestimmen nämlich, wie weit es mit der Trägerflüssigkeit auf der Gelplatte wandert. Genau bestimmen lässt sich das aber nur wenn eine Referenzsubstanz nebenher wandert. Und die ist, große Überraschung, natürlich wieder teuer. 1 ml mit 1 mg THC, THC-COOH oder CBD kosten den verantwortungsbewussten Apotheker nämlich jeweils 125,- €.

Diese Prüfung ist im Einzelfall zwar nicht so teuer, aber schon recht aufwendig und nervig.

Sie ist auch der Grund, warum Apotheken zur Zeit nicht gerne mit Cannabis-Blüten arbeiten. Dronabinol zum Beispiel, das reine THC, ist deutlich bequemer. Auch das gilt als Zubereitung, aber hier liefern Herstellern zum Prüfen einem praktischen Teststreifen mit. Auch Dronabinol kostet den Patienten am Ende das anderthalbfache vom Einkaufspreis, es macht aber längst nicht so viel Arbeit.

Es ist also keineswegs so, dass der Apotheker den ganzen Überschuss einstreicht, während PTAs zum Hungerlohn Medikamentenschachteln aus dem Regal suchen. So ein Betrieb muss sich an Regeln halten und die verursachen Kosten. Diese Kosten ernähren wiederum ganze Industriezweige. So funktioniert ein Hochlohnland: Wie überall auf der Welt werden auch bei uns nur wenige wirklich reich. Aber auf dem Weg dahin können bei uns, im Gegensatz zu den üblichen verdächtigen Dreckslochländern, viele weitere davon ein recht anständiges Leben führen. Beim Pharma-Markt sind das nicht nur Hersteller von Medikamenten, sondern auch das ganze Testzubehör, die vielen Beamten, die mit Regulieren und Kontrollieren beschäftigt sind und vor allem die Logistik. Denn alle Medikamente müssen im Prinzip am selben Tag frisch verfügbar sein, der Apotheker kann nicht einfach Produkte, die nicht laufen, aus dem Sortiment schmeißen. Qualität hat ihren Preis. Und aus einem heimischen Allerweltsunkraut, das in ausreichender Qualität eigentlich nur Zentnerpreise ähnlich wie Kartoffeln bringen dürfte, wird ein gehyptes Supermedikament.

Soweit läuft alles korrekt und vorschriftsmäßig ab.

Aber natürlich können wir uns fragen, warum Cannabis von einer nationalen Agentur nicht mit einem Qualitätssiegel verschlossen abgegeben wird. Dann würde den armen Apothekern die aufwendige und stressige Identitätsprüfung derspart und sie müssten die Patienten nur mit der normalen Gebühr für ein Fertigmedikament belasten.

Aber Regierung und Apothekerverbänden ist es egal, wieviel Patienten gnädigerweise zahlen dürfen, sie kriegen ihr Geld sowieso. Außerdem können wir Kiffer, ich meine natürlich: die berechtigten Patienten, noch froh sein, mit Cannabis eine vergleichsweise günstige Zubereitung zu beziehen. In der Beispielrechnung der ABDA kann eine in der Apotheke hergestellte Salbe aus 5 Euro Wirkstoff am Ende 28 Euro kosten, also mal eben 400 % Aufpreis.

Haben wir eine Alternative zu den Apotheken?

Wir kommen nicht um sie herum. Wir haben mit den Apotheken ein reguliertes Vertriebssystem für Medikamente. Das ist praktisch und nützlich, die Pharmazeuten beherrschen ihr Handwerk. Wir möchten uns nicht vorstellen, dass beispielsweise wichtige Herzmedikamente aus marktwirtschaftlichen Gründen leider nicht mehr hergestellt werden. Die Apotheker nun werden ein interessantes Produkt wie Cannabis nicht kampflos anderen überlassen. Dafür sind sie zu mächtig. Denn unser Volk von 80 Millionen ist ein riesiger Markt. Das bedeutet aber auch, dass sich einzelne Akteure gut festsetzen können. Wer einmal drin ist, kann sehr groß und mächtig werden und je mächtiger eine Player ist, desto besser kann er für sich selbst angenehme Regeln durchsetzen. Nicht umsonst sind wir das Land der Vereine und Verbände. Auch kleine Geschäftsleute können sich bundesweit zusammenschließen und dann auch gesetzliche Bedingungen mitbestimmen.

Wir müssen Verständnis dafür Aufbringen, wenn nach einer Reise des Gesundheitsausschusses nach Uruguay sogar CDU-Abgeordnete vom Apotheken-Modell begeistert sind, aber sich Eigenanbau und Social Clubs für Deutschland so gar nicht vorstellen können.

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