Krebs, Hanföl und Wunderheiler…

Wir sind uns alle einig, Cannabis ist eine Wunderpflanze, die vielen Wirkstoffe heilen alle Leiden, von Montagsgrippe über Schweißfüße bis chronische Prokrastinitis. Eine Wunderpflanze allein, kann aber noch keine Wunder bewirken. Da braucht es natürlich noch die Wunderheiler, welche den Menschen die segensreiche Wirkung vermitteln. Wie von selbst scharen sich um diese mildtätigen Frauen und Männer dann zahlreiche Anhänger als gläubige Gemeinde, welche fleißig an der großen Legende spinnt und webt und ihre Propheten gegen alle Neider, Feinde und Schmäher verteidigt.

Und der Gegner gibt es natürlich viele. Denn alle, die an ewigen Fortschritt und Vernunft glauben, werden sofort die Stimme erheben. Es darf ja nicht sein, daß jemand Mittel unter die Leute bringt, deren Heilkraft nicht rundum erforscht und zweifelsfrei wissenschaftlich bewiesen ist. Solche Beweise kann ein Wunderheiler natürlich nicht vorlegen, denn schon der bekannteste der Zunft, Jesus von Nazareth, hat ja freimütig zugegeben:

Nicht ich oder mein Hanfcocktail, sondern allein dein Glaube hat Dir geholfen.

Damit wäre der Urchrist sogar auf dem Stand der heutigen Wissenschaft, die bei der Erforschung der alternativen Therapien, wie etwa Homöopathie, keine Wirkung der Mittelchen feststellt, aber immer wieder einräumen muss: Ein intensives Diagnosegespräch, ausreichend lange menschliche Zuwendung und entsprechendes Vertrauen in den Therapeuten scheinen die Heilungschancen merklich zu verbessern. Viele Patienten mögen es halt nicht so gerne, einem Arzt in 90 Sekunden ihre Symptome zu schildern, der dabei auf die Krankenakte am Bildschirm starrt weil er krampfhaft versucht, das notwendige, wirksame Medikament in das Quartalsbudget zu integrieren. Da ist es viel angenehmer, etwa in einer Hanfapotheke ausgiebig beraten zu werden und anschließend noch selber zwischen Produkten mit verschiedenen Wirkstoffzusammensetzungen auswählen zu können. Es kann schon sehr gut tun, selber ein kleines bißchen über sein Schicksal mitentscheiden zu dürfen.

Wie geht man aber mit Angeboten um, die versprechen, Krebs, das ultimative Schreckgespenst unter den Krankheiten, heilen zu können?

Wer das behauptet und es nicht beweisen kann, ist selbstverständlich ein Scharlatan, der aus der Todesangst der Menschen Kapital schlagen möchte. Das kann man natürlich leicht sagen, solange man gesund ist. Aber wenn ich oder jemand aus meiner Familie irgendeine Form von Krebs bekäme, würde ich wahrscheinlich auch jeden Stein umdrehen und mich sehr offen zeigen für alternative Ansätze. Und wenn dieser Wunderheiler nun in den USA arbeitet, wo der Präsident gerade den Ansatz einer Krankenversicherung wieder einstampft und auch die etablierte, evidenzbasierte Medizin beim Patienten als allererstes die Bonität der Kreditkarte eingehend prüft, dann kann die Seriosität auch eines Wunderheilers irgendwo im oberen Mittelfeld eingeordnet werden.

Die Rede ist natürlich von Rick Simpson und seinem berühmt-berüchtigten Haschöl. Das habe ich nämlich als reiner Genusskiffer für mich entdeckt, weil es kinderleicht herzustellen ist und ballert wie ein Düsentriebwerk. Über die Heilkraft will ich mir kein Urteil bilden, weil ich zum Glück rundum gesund bin. Aber wenn man sich über die Methode informiert, stößt man automatisch auf die Auseinandersetzung zwischen gläubigen Anhängern und erbitterten Gegnern.

Über diesen Glaubenskrieg kann man sich nach kurzem Querlesen schnell ein Urteil bilden: Hanf heilt keinen Krebs. Es wird auch nie ein Mittel gegen Krebs geben, weil es den Krebs nicht gibt, sondern viele Krebsarten, die jede für sich wiederum verschiedene Ursachen haben, für welche es unterschiedliche Heilungsansätze geben kann. Die Aussichten sind aber gut, daß einmal hilfreiche Medikamente für Tumortherapien entwickelt werden, die den Wirkmechanismus von Cannabinoiden nutzen. Nicht mehr und nicht weniger.

Während ich mir also fröhlich mein grünes Öl dabbe, interessieren mich ganz andere Kritikpunkte zum Herstellungsverfahren viel mehr. Leute, die Ahnung von Chemie und Pharmazie haben, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn Herr Simpson seine Hanflösung aus Farbverdünner ansetzt und diese dann auf einem Holztisch im Reiskocher eindampft. Das hat totalen Schwarzbrenner-Charme, ist ziemlich cool, aber das Gegenteil von hygienisch und lebensmittelsicher. Und diese Bedenken treffen mich auch, wenn ich mit Isopropanol, vulgo: Lackverdünner, mein Öl extrahiere. Ich muß davon ausgehen, dass immer Rückstände in selbstgemachten Extrakten zurückbleiben. Egal ob Isopropanol, Butan oder Dimethylether verwendet wurden. Solange ich keine Vakuumapparatur zur Reinigung und kein Analyselabor habe, werde ich keine reinen Extrakte herstellen können und weiß nicht, welche und wie viele Rückstände darin sind.

Aber über deren Gefährlichkeit sind auch nur sehr schwer Informationen zu bekommen.

Isopropanol ist schädlich für die Schleimhäute, Butan ist selbst nicht giftig, aber man kann daran ersticken, wenn man es pur einatmet. Es gibt, wohl tatsächlich Leute, die das absichtlich tun. Aber über die Gefährlichkeit von Lösungsmittelrückständen in Hanfextrakten gibt es keine Untersuchungen und keine Grenzwerte. Die wird es erst geben, wenn das Hanfgeschäft eines Tages reguliert werden wird. Und sie werden wohl tatsächlich standardisierte Produkte schaffen. Und mit Sicherheit werden die Standards dann die aufwendigen, teuren Produktionsanlagen schützen und alle Formen von Eigenproduktion durch unbezahlbare Auflagen unmöglich machen.

Bis dahin sind wir privaten Hanfpanscher tatsächlich lebende Versuchskaninchen und ich für meinen Teil bin das mit großer Begeisterung. Und wie sauber sind Eure Extrakte? Habt ihr mehr Angst vor dem Butan im Dab, oder dem aus dem Feuerzeug?

Alice Wunder

Ich bin gebürtiger Rheinländer, Journalist und Lebenskünstler. Als Alice Wunder (männlich, verheiratet) schreibe ich eigentlich nur für meinen Blog meinedrogenpolitik.wordpress.com Dort versuche ich, seit Anfang 2015 Geisteszustände zu erforschen. Und natürlich soll das verehrte Publikum gut unterhalten werden. Eigentlich wollte ich mal einen Artikel über Cannabis-Rausch schreiben und habe Daniel kontaktiert. Daraus wurde aber nichts, denn er hat mich gleich angeheuert, ab und zu bei Cannabis-Rausch mitzumachen. Denn ich verfüge über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung mit Cannabiskonsum. In meiner Jugend, in den 1990er Jahren bei Köln hat mir das Kraut mein Abitur gerettet. Denn oft war eine Kaffeefahrt ins nahe Maastricht während einer Freistunde die einzige Motivation, überhaupt in der Schule zu erscheinen. Dann aber war ich sehr angepasst, friedlich und entspannt im Unterricht körperlich anwesend und wurde für dieses Engagement mit guten Noten belohnt. Die Kehrseite der Medaille sind wenig lebenspraktische Fähigkeiten, dafür viel Liebe zur Literatur, welche ich gern in eigenen Texten auslebe.

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