Smells like teen spirit – Das Problem mit dem Cannabisgeruch

Ich möchte verstehen, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Es ist ein inneres Bedürfnis, dass ich nur schwer in Worte fassen kann. Seit mehr als einem Jahr beschäftige ich mich jetzt mit der gesellschaftlichen Entwicklung zum Thema Cannabis. Man geht davon aus, dass es ca. 4-7 Millionen Cannabiskonsumenten in Deutschland gibt. In diesem Artikel soll es aber nicht vorrangig um Cannabiskonsumenten gehen, sondern vielmehr um die Menschen, die mit Cannabiskonsumenten ein Problem haben. Der Stoner um die Ecke hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, aber wo sind die Schnittstellen, dass er so stigmatisiert wird? Dieser Frage bin ich in den letzten 2 Wochen intensiv nachgegangen, indem ich mich jeden Tag mit verschiedenen Leuten intensiv über Cannabiskonsumenten unterhalten habe.

Diese Befragung entstand im Rahmen meiner 14-tägigen Wanderung quer durch Deutschland.

Um Menschen zu verstehen, muss man aufmerksam zuhören. Und eines meiner Talente ist es denk ich, den Menschen genau zuzuhören und zwischen den Zeilen zu lesen. Die deutsche Bevölkerung ist kaum bis gar nicht über Cannabis informiert und hat auch kaum Kontaktpunkte zu dieser wunderbaren Pflanze. Was natürlich wenig verwunderlich ist. Cannabis wurde nun Jahrzehnte lang als Einstiegsdroge propsgiert, von den Leitmedien wurde stets das Klischeekiffer-Bild vermittelt, welches mit der Realität oft nichts zu tun hat. Klassische Propaganda der Politik und Medien par excellence. Die Cannabisbewegung hat in den letzten Jahren massiv an eigener PR zugelegt, sie will aufklären, vermitteln und aufzeigen, wie Cannabis wirklich zu verstehen ist. Klar, dass es schwierig ist, der Bevölkerung den Batik-Shirt tragenden Kiffer mit Dreadlooks aus dem Unterbewusstsein zu streichen, der nun schon seit mehr als 3 Generationen in den Köpfen der Bevölkerung verankert ist.

Die meisten kommen wohl nur mit Cannabis in Kontakt, wenn es geraucht wird. Und dann kommt der Kontakt eben am ehesten durch den Rauch, der in die Nase steigt. Da wären wir auch schon bei einem der Hauptprobleme, warum Cannabis oft als sehr unangenehm für die breite Masse wahrgenommen wird. Der Geruch von gerauchten Cannabisblüten ist sehr streng. Ich für meinen Teil liebe diesen Geruch, ich hatte auch schon mal Gänsehaut, weil der Geruch mich so sehr geflasht hat.

Doch leider teilt diese Vorliebe für diesen sehr speziellen Geruch nur eine kleine Menge an Menschen mit mir. Meine Frau, die keine Kifferin ist, aber vollkommen cool mit Cannabis, findet es auch überhaupt nicht gut, wenn ich in ihrer Nähe kiffe. Sie mag den Geruch einfach nicht, was ich sehr verständlich finde. Die Unterhaltungen mit den unterschiedlichsten Menschen in Deutschland haben mir bei jedem einzelnen Gespräch aufgezeigt, dass das größte Problem in der öffentlichen Wahrnehmung nicht der Mensch mit Dreadlocks ist, sondern der Geruch, den er hinter sich herzieht.

Einer unserer beliebtesten Artikel ist „Hilfe mein Nachbar kifft„.

Die Bevölkerung will einfach nicht von diesem Geruch belästigt werden und meine Aufgabe ist es, zwischen den Gegnern von Cannabis und den Cannabiskonsumenten zu vermitteln. So, dass alle entspannt ihr Leben ohne Hass entfalten können. Die letzten 8 Jahre habe ich in Berlin verbracht und dort gehört der Geruch von Cannabis in der Luft einfach dazu, ist so. Berlin ist, man mag es als Außenstehender kaum glauben, eine andere Welt. Das zeigt sich in sehr vielen Belangen, weshalb Berlin auch beim Thema Cannabis nicht der deutsche Maßstab sein kann. Vor ein paar Jahren lag ich entspannt im Bett und hatte echt fürchterliche Kopfschmerzen, es war Sommer und ich hatte mein Fenster natürlich offen. Mein Nachbar unter mir hatte wohl auch Kopfschmerzen und wollte diese mit einem gepflegten Joint kurieren.

Für mich war es der Horror, ich lag im Bett mit meinen pochenden Kopfschmerzen und dann kam noch dieser penetrante Cannabisgeruch in mein Schlafzimmer, was die Kopfschmerzen nicht verbesserte und ich regte mich sogar noch auf. Ich kann mich gut in beide Seiten der Parteien versetzen, das geht eindeutig auch als Kiffer. Der normale, deutsche Bürger weiß, dass Cannabis illegal ist und sieht sich somit auch im Recht, wenn er zum Beispiel die Polizei ruft, wenn der Nachbar kifft. Cannabis hat in unserer Gesellschaft bis dato keinen hohen Stellenwert, außer für die Menschen, die die Vorteile von Cannabis kennengelernt haben.

Also, wir haben nun herausgefunden, dass der Geruch von Cannabis für einige unserer Mitmenschen ein großes Problem darstellt. So wie zum Beispiel auch das Rauchen von Tabak oder der allzu aggressive Einsatz von Wunderbäumen. Ich möchte auch nicht, das sich jemand eine Lunte anzündet, wenn mein zukünftiges Kind in der Nähe ist – das muss einfach nicht sein. Oder allgemeiner, dass in einem Park gekifft wird – finde ich persönlich genau so unmoralisch wie saufen im Park. Unsere Gesellschaft muss zwar lernen, toleranter Menschen gegenüber zu werden, die Cannabis konsumieren. Doch man sollte auch seinen Gegenüber respektieren und nicht belästigen, egal wie man dazu persönlich steht.

Es gibt genügend Möglichkeiten in der Öffentlichkeit high zu werden, ohne eine Graswolke in einem Umkreis von 30 Metern zu verbreiten.

Pure Joints sind nicht sonderlich praktisch für die Stadtwohnung oder die Öffentlichkeit. Zum einen ist es nicht gut für die öffentliche Wahrnehmung von Cannabis im Allgemeinen, zum anderen ruft es auch schnell die Polizei auf den Plan. Muss beides nicht sein. Ich persönlich meide immer öfter pure Joints, meine Konsumformen sind weniger mit der Graswolke verbunden. Zum einen gibt es Vaporizer, dann THC-Liquids oder Edibles. Mit diesen drei Konsumformen kann man auch mit seinen Mitbürgern gut leben, ohne dass sich jemand belästigt fühlt. Denn es riecht kaum bis gar nicht. Und die Wirkung ist fast identisch zu einem puren Joint.

Aber diese Konsumformen haben ein riesen Defizit für den normalen Cannabiskonsumenten: Er kann sie nicht mal eben so im nächsten Supermarkt kaufen und klar, auch nicht beim Dealer. Okay, den Vaporizer kann sich jeder kaufen, aber Edibles und THC Liquids sind für die meisten Cannabiskonsumenten nicht ohne Umstände zu erwerben. Die Illegalität von Cannabis bringt auch gesellschaftliche Nachteile mit sich, wie der hier thematisierte Geruch von Cannabis. Ja, wo soll die Mutter aus Dortmund denn ihre Tüte rauchen, ohne jemanden zu belästigen? Das ist fast nicht möglich. Und wo soll sie ein THC Liquid oder Edibles herbekommen? Stimmt, nirgendwo! Ich bekomme alles an THC Preparaten was ich will. Klar, ich arbeite auch in der Branche und habe einen ganz anderen Bezug zu den jeweiligen Produkten. Aber für normale Stoner, bleibt nur die übliche Tüte. Fuck.

Das Cannabisverbot hat nur Nachteile.

Die Situation der Stigmatisierung würde sich gerade in Deutschland schlagartig ändern, wenn die Mutter aus Dortmund ganz entspannt auf ihrem Balkon sitzt und an ihrem THC Liquid zieht. Keiner bekommt es mit, es wäre kein Thema bei ihren Nachbarn, keiner ruft die Polizei wegen des Geruchs. Das Cannabisverbot ist ein Teufelskreis, den wir nur gemeinsam durchbrechen können. Ich versuche jeden Tag aufs Neue, insbesondere mit Menschen zu sprechen, die nichts mit Cannabis am Hut haben, weil wir genau diese Menschen überzeugen müssen, dass Cannabis eben kein Teufelszeug ist. Sondern dass die Gesetze und die Illegalität die Probleme entstehen lassen.

Ich hätte nie gedacht, dass das Thema Cannabisgeruch so ein großes Problem ist, dass noch mehr Probleme entstehen lässt. Daher rufe ich bis zur Legalisierung alle meine Stoner auf, rücksichtsvoller mit ihrem Konsum umzugehen. Man bricht sich keinen Zacken aus der Krone – außer dem eigenen Konsum-Ego wird da niemandem weh getan. Ansonsten: Sprecht mit den Leuten, die mit dem Geruch ein Problem haben. Einigt euch eventuell auf feste Zeiten, wo ihr eure Tüte rauchen könnt. Findet Kompromisse. Denn nur mit einer offenen und aufgeschlossen Gesellschaft können wir die Probleme abarbeiten und so zu einer besseren Gesellschaft heranwachsen. Ich hoffe, dass Cannabis in 30 Jahren nicht mehr thematisiert wird, dass wir dann gelernt haben damit umzugehen und es zum Alltag wird. Obwohl: hoffen ist schlecht, ich arbeite lieber täglich daran, damit es wirklich so wird. Peace.

Daniel

Ich bin im Jahr 1987 im Norden von Deutschland geboren und kann daher eine Heidschnucke von einem normalen Schaf unterscheiden. Den größten Teil meines noch kurzem Lebens habe ich in Berlin verbracht. Seit 2018 bin ich ein digitaler Nomade. Ich liebe Mode, ohne schnelle Autos kann ich nicht leben, bin ein Serien Junkie und Cannabis ist für mich mehr als nur ein Hobby.

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