Grasgeflüster: Support Your Local Hippie Festival

Am 30. April war es mal wieder soweit, den Vorabend des Ersten-Mai-Feiertags zu zelebrieren. Natürlich nicht, weil wir auf Maibäume abfahren, sondern ausschließlich, um den geschenkten Feiertag von Mutter Staat gebürtig zum Ausschlafen zu nutzen. Danke an der Stelle an alle Gesetzlichen Feiertage!
Wie gesagt, Maibäume wollten wir dieses Jahr höchstens von Weiten sehen. Unsere Rettung daher: In einem unbeugsamen Dorf in radläufiger Entfernung zur Home-Town sollte an diesem Tag ein Hippiefest steigen.
So der allgemeine Konsens meiner zwölf Begleiter, die den ganzen Spaß zum Teil schon in vergangenen Jahren erlebt haben.

Richtige Informationen gab es jedoch nicht – keine Facebook-Veranstaltung, keine Plakate, rein gar keine Werbung. Nur Legenden ließen erahnen, was mich erwarten wird.

Radeln unter kräftigen Farben

Der Anfahrtsweg hätte sogar mit dem Zug geklappt, trotz der wirklich ländlichen Location. Ich entschied mich jedoch fürs Fahrrad. Wir wollten gern zu dritt mit dem Fahrrad die bergige Strecke fahren, weil es erstens das Ticket spart und zweitens die Zeit des Abschieds flexibilisiert. Und natürlich, weil Fahrradfahren echt okay ist.

Also dritter Gang rein und ab die Post. Auf halbem Wege, bzw. kurz vorm letzten Berg, haben wir uns dann erstmal eine schöne Lunte gegönnt. Die Sonne ging gerade unter und färbte den Himmel in ein pastellfarbenes Orange-Rot mit Verlauf in dunkles Blau. Die Natur spielt öfter mit Komplementärfarben als der Springer-Verlag!
Zudem: Wolkenlos, riesiger Vollmond. Ebenfalls orange. Sic!

Nach dem Motivations-Joint auf halbem Wege waren wir drei schon ausnahmslos High, während der Großteil der partylustigen Meute sich noch ein wenig gedulden musste. Im Zug herrscht Rauchverbot, Grund vier fürs Fahrrad.

Der letzte Teil der Strecke wand sich zum Großteil durch den dichten Wald eines der schönsten Mittelgebirges Deutschlands. Dementsprechend war es knackig dunkel und von Zeit zu Zeit wurden Autofahrer durch die drei kleinen Lichter auf der Landstraße zum runterbremsen gezwungen und wir in Alarmbereitschaft versetzt. Kurven, Bergkuppen, Wald – da könnte schon einiges passieren. Doch trotz aller Ängste und Risiken haben wir die letzten Meter in vollen Zügen genossen, vor allem da es oft Bergab ging. Davon abgesehen finde ich die Kombination aus Weed und Fahrradfahren auch sonst ganz entspannt, da man schnell in einen Flow kommt. Und das bockt dann richtig!

Irgendwann waren wir dann endlich da und haben die Zugfahrer von ihrem Warten auf den ersten J erlöst. Nummer zwei für mich, Stimmung war ganz weit oben. Dann ging es noch eine ganze Weile durch diverse Straßen und Wege, an Feldern vorbei bis hin zur Zieldestination.

Total unterschätzt. Aber TOTAL.

Ich hatte eine kleine Fabrik-Halle erwartet, in der entspannter Hip-Hop läuft. Doch weitgefehlt: Nur weil das Festival keine Werbung macht, heißt das noch lange nicht, dass es klein ist! Es gab drei Techno-Floors, einen gemischten und einen für Hip-Hop. Der Psytrance/Goa-Floor befand sich stilecht unter einem riesigen Zeltdach, der Tech-Floor unter freiem Himmel. Bass war natürlich trotzdem in ausreichender Menge für alle da.

Drei Floors waren in einer alten Fabrikhalle untergebracht, wo der Bass sich durch Reflektionen an altem Gemäuer noch intensiver entfalten konnte. Als Problem entpuppte sich indessen schnell die marginale Beschilderung auf dem Festival. Auf der Suche nach dem Hip-Hop-Floor blieb uns auf dem ziemlich verwinkelten und auch großen Gelände nichts anderes übrig, als sich durchzufragen. Hip-Hop schien aber niemanden wirklich zu interessieren, oft wurde sogar die Existenz eines Hip-Hop-Floors auf dem Festival in Frage gestellt, weshalb wir selbst nicht mehr so recht dran glauben wollten.

Doch hey, dieses Festival wäre nicht dieses Festival gewesen, wenn es uns nicht positiv überraschen hätte können. Also Konjunktiv aus, denn gegen 2:00 Uhr Nachts haben wir ihn dann endlich gefunden: Den langersehnten Hip-Hop-Floor. Da die meisten Menschen auf dem Festival schon deutlich älter als zwanzig waren, erschien es kaum verwunderlich, dass die DJs auch schon Ende dreißig/ Anfang vierzig waren. Immerhin haben sie mit iPads aufgelegt, wodurch das Duo zu einer generationenübergreifenden Karikatur hinter dem Pult transformierte. Dazu lief auf den iPads Hip-Hop aus ihrer Jugend, auf Wunsch durfte dann aber auch der gute Kendrick ein paar Lines ins Mic spitten.

Während der 3:00-Nachts-Hip-Hop sich in meinem Körper eher meditativ-entspannend auswirkte, waren die Tech-Floors von früh bis spät mit treibenden Beats am Start. Drei Tech-Floors, drei Geschwindigkeiten. Wer fliegt nicht gerne auf einer 120-BPM-Wolke, um kurz danach den Hard-Tech zu hitten, um noch höhere Höhen zu erreichen?

Zwischendrin überraschten die verschiedensten Kuriositäten wie Nacktfotos am Goa-Zelt, wahnsinnig viele zufällige Begegnungen mit alten Bekannten und industrial x Hippie gestylte Bierstände.

Die Besucherzahl des Festivals hält natürlich nicht mit den großen mit, aber genau das macht letzten Endes auch den besonderen Charme aus. 5 Floors bei keiner Facebook-Werbung, keinen Plakaten und keiner Website. Zu den 5 Floors, die rein subjektiv empfunden auch durchgehend sehr gute und fesselnde Musik am Start hatten, kommt noch ein weiterer unglaublicher Fakt hinzu: Der Fußballplatz des Dorfes wird jährlich für dieses Ereignis zum Camping-Platz umfunktioniert. Das zeigt zum einen, wie aufopferungsvoll auch das Dorf hinter der Sache steht – kein Platzwart der Welt würde für irgendeinen Blödsinn seinen Rasen für selbstaufrichtende Zelte freigeben. Da braucht es schon eine starke Interessensgemeinschaft anderer Bewohner des Dorfes.

Zum anderen war der Fußballplatz ein guter Indikator für die Reichweite des Festivals: Autos mit Nummernschildern zahlreicher deutscher Städte waren auszumachen, sowohl aus dem geografischen Ost-, als auch Westdeutschland.

Fazit „Underground Hippie Festival“

Die Nacht war mega! Mein Bruder hat von Leuten Pilze bekommen, ich wurde durch ominöse Umstände von Menschen über Cannabis-Rausch ausgequetscht und die Musik war richtig on fleek. Buffen natürlich total okay, das Drogenverbots-Schild obligatorisch. Da ist auch definitiv nicht nur Gras am Start…

Unterm Strich ist das Underground Hippie Festival der große Bruder von Free-Tech’s – nur ohne SEK.

Bild: Bruno Nascimento für Unsplash

Lorenz

Lieblingsfarbe Grün - Farbe der Hoffnung, Farbe meiner politischen Heimat und Farbe meines Lieblingskrauts. Weitere buzzwords meines Lebens sind Fotografie, gelebte Musik und die Liebe zum geschriebenen Wort. Ich bin 1997 im tiefsten Osten geboren und trotzdem ein linksgrünversiffter Gutmensch. Im Moment stolpere ich im Ländle durch meine Studienzeit und suche nach dem Sinn des Lebens.

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