Grasgeflüster: Ein Clubkonzert – das perfekte Setting?

Es gibt viele schöne Orte, an denen ich im Laufe meines grünen Lebens schon einen durchgezogen habe. Letztens habe ich sogar einen Jägerstand gehotboxed! Oder ein Schwimmbad. Oder einen Ikea. Oder einen Zoo

Doch so schön diese Orte auch sind – sie kommen nicht an einen gemütlichen Club ran. Ist Club in dem Fall überhaupt richtig? Die Rede ist von den kleinen, meist schon etwas durchgerockten Konzert-Destinationen, die sich in so ziemlich jeder deutschen Halbwegs-Großstadt befinden. Die Rede ist von jenen Konzertschuppen, in denen jede Band oder Straßengang einmal angefangen hat, vor Publikum zu treten und auf den großen Durchbruch zu hoffen. Konzerthallen, in denen die Künstler meist noch vor Energie und Motivation strotzen und ein Großteil der Konzertbesucher mit den Texten noch nicht allzu viel anfangen kann. Bei kleineren Konzerten jenseits der Weltarenen zählt noch das Momentum; die Fähigkeit, die Zuhörer mit knackigen und einprägsamen Hooks mitzureißen. Zum mitsingen zu bewegen.

Ihr wisst, was ich meine. Ich liebe diese kleinen Konzerte, denn dabei müssen die Künstler ohne Millionen-Budgets für Feuerwerk und Videoleinwände für die nötige Authentizität sorgen. Und meist ist das Bier bei unter-20€-Konzerten günstiger als in der Riesenarena nebenan. Und nicht zu vergessen: Mit dem Buffen ist es meist nicht weit.

Kiffen im Club? Ja, bitte!

Je nach auftretendem Künstler wird entweder gar nicht auf Weed kontrolliert oder mit zwei fest zugedrückten Augen. Durchsucht wird da niemand, der nicht gerade wie eine Thor Steinar-Karikatur herumläuft. Denn ohne Frage sind kleine Konzertbühnen in vielen Fällen auf Grund der weitestgehend linken Einstellung von jungen Künstlern auch eher links orientiert. Wenn man das heute überhaupt noch so einordnen kann, denn schwarz-weiß denken bringt uns doch alle nicht weiter.

So bin ich schon des Öfteren mit Joint in den Club gewandelt. Und vielleicht sogar mit roten Augen. Wen juckt’s? Niemanden, genau. Ein besonderes Erlebnis hatte ich letzten Winter in Chemnitz, auch unter dem klangvollen Namen Karl-Marx-Stadt bekannt. Mein erstes Mal in Chemnitz, denn bis auf dieses eine Konzert gab es für mich bis Dato keinen Grund, in die vernachlässigste der drei sächsischen Großstädte zu reisen. Doch an diesem Abend war alles anders. Für mein zweites Konzert der überaus erstklassigen I heart Sharks bin ich extra aus dem strukturstarken Süden Deutschlands angereist, um mit vier Kollegen mal wieder ostdeutsche Clubluft zu schnuppern.

Mit ausreichend viel Ott im Gepäck haben wir es uns in einem kleinen urtümlichen Hotel im Herzen von Chemnitz gemütlich gemacht und standesgemäß schon vor dem Konzert wortwörtlich vorgeglüht.

I Heart Sharks performen im Zuschauerraum im Licht einer Stehlampe.

Ich erinnere mich noch gut an den einen Freund, der in dem Jahr gerade in Holland gelebt hat (und dort zum Kiffer mutiert ist). Während wir anderen als Gelegenheitskiffer gehörig Respekt vor der örtlichen Polizei hatten, die fröhlich ihre Runden durch die Stadt der Moderne gedreht hat, meinte er nur trocken: „Ich lass mir doch von den Cops nicht verbieten, wo und wann ich einen durchziehe.“ Und schon waren alle Paranoia vergessen.

Nachdem wir zwei schöne Jollen vernichtet hatten und die Polizei das fünfte Mal unseren Weg kreuzte, standen wir dann endlich vor unserem Ziel: Dem Atomino, einem wirklich gemütlichen Club in einem Chemnitzer Keller. Immerhin mitten im Zentrum. Vielleicht ist der Club auch gleichzeitig ein Atomschutzbunker – aber das müssen wir am besten mal K.I.Z. fragen. Woher sonst der Name? Vielleicht, weil die dort auftretenden Künstler ausnahmslos atomisieren?

Ist aber auch gar nicht so wichtig, warum der Club wie heißt. Wichtig war in dem Moment nur, dass wir samt Vaporizer und Weed ohne weitere Komplikationen reinkamen.
Drinnen erwartete uns dann eine längst bekannte Vorband aus früherer Zeit, namhaft Baru. Ich weiß, der Indie-Musik-Markt ist undurchschaubar. Jedenfalls kannten wir die Band schon von einem früheren Festivalbesuch und konnten zur Musik in Erinnerungen schwelgen. Und bisschen abfeiern. Oder einfach nur auf ‚nen Straffen die Musik genießen. Was sehr cool ist, wenn die Atmosphäre entspannt ist, wie meistens in einem Miniclub.

Bei Hip-Hop-Konzerten gehen meist zahlreiche Joints durch die Menge, da wird sogar der Hip-Hop-begeisterte Polizist passiv high. Sorry Bro.

Man kann sich völlig entspannt in den Club stellen und sich total in der Musik verlieren. Ich persönlich bin ein großer Indie-Fan. Okay, ich geb’s zu, bei Indie handelt es sich wahrscheinlich um die allgemeinste Beschreibung von Musik, natürlich in harter Konkurrenz mit Pop-Musik. Der Indie, den ich so hart feiere, hat meistens ehrlichen Band-Charakter, aber auch einen fetten elektronischen Einfluss. Synthesizer, Schlagzeug, E-Bass und abgefahrene Gitarrensounds. Dazu ein leckerer Joint und fertig ist das perfekte Träumer-Setting, welches von Zeit zu Zeit durch mitsing-ermutigende Refrains durchbrochen wird. Auch mal schick.

Klar, auch zahlreiche Rapper machen ihren Anfang in kleinen Clubs.

Sogar erfolgreiche Künstler wie Marteria zieht es irgendwann in die gemütlichen Konzert-Destinationen zurück, wenn diese eigentlich schon lange Stadien füllen. Das Feeling ist ein anderes, ohne Frage. Bei Hip-Hop-Konzerten gehen meist zahlreiche Joints durch die Menge, da wird sogar der Hip-Hop-begeisterte Polizist passiv high. Sorry Bro.

Throwback I❤sharks Dresden 2016

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Es sind aber die kleinen Momente, die für mich progressiven Indie-Rock interessanter als Hip-Hop machen. Der stagedivende Gitarrist zum Beispiel, der sich mitten im Solo auf den Armen der Crowd durch die Menge tragen lässt. Oder die kleine Formation aus Sänger und E-Gitarre, die sich nur von einer Stehlampe beleuchtet in die Menge begibt, um auf Augenhöhe mit den begeisterten Konzertbesuchern eine Ballade zu zelebrieren. Oder die fette Kunstblume, die als tragendes Gestaltungselement auf der Bühne vergeblich versucht, Fotosynthese zu betreiben. Unvergleichbar.

In seiner Grasgeflüster-Kolumne stellt euch unser Autor Lorenz regelmäßig Anekdoten und Geschichten aus dem oft unterhaltsamen Leben eines modernen Kiffers vor. Ihr findet alle Grasgeflüster-Beiträge gesammelt auf dieser Seite: [Klick mich].

Lorenz

Lieblingsfarbe Grün - Farbe der Hoffnung, Farbe meiner politischen Heimat und Farbe meines Lieblingskrauts. Weitere Buzzwords meines Lebens sind Fotografie, Reisen und die Liebe zum geschriebenen Wort. 1997 wurde ich im tiefsten Osten geboren und bin trotzdem (oder gerade deswegen?) ein linksgrünversiffter Gutmensch geworden. Nach 1,5 interessanten Jahren dualer Studiertätigkeit im Fach Wirtschaftsinformatik widme ich mich mich im Moment ganz im Sinne meiner Bloggertätigkeit einem Bachelor in Gartenbau.

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