Wir sollten froh sein, dass Cannabis verboten ist!

Cannabis ist schon ein merkwürdiges Kraut. Blüten von der selben Pflanze können jedesmal total anders wirken. Mal schießen einen zwei Züge an den Rand des Universums, dann verursacht die dritte Tüte nur noch ein sanftes Streicheln und an anderen Tagen passiert nichts außer dumpfer Müdigkeit.

Diese wunderlichen Effekte werden gern mit der sogenannten Toleranz erklärt. Denn das ist nicht nur eine Tugend demokratischer Bürger, als Toleranz bezeichnet man bekanntlich auch schwächer werdende Reaktion des Körpers auf größere Mengen der selben Wirkstoffe. Wer mehr nimmt, spürt weniger. Dafür wiederum gibt es zahlreiche Erklärungen, die Naturwissenschaft hilft uns da bereitwillig mit ausgefeilten Modellen und Messreihen über sich anreichernde Wirkstoffe, Anpassung der Rezeptorenzahl und überhaupt so allerlei Änderungen im Stoffwechsel. Das klingt alles furchtbar schlau und einleuchtend.

Für den Alltag hilft das aber erstmal nicht weiter

Die naturwissenschaftlichen Erklärungen bringen dem einfachen Kiffer nicht mehr, als schamanistische Trommelrituale. Ich hab n Beutel geiles Gras, aber damit es ballert, soll ich erst mal Pause machen, obwohl es so gut riecht? Das ist scheiße und mir ist egal, ob das so ist, weil die Rezeptoren übersättigt sind, „Weil Gott das so will“ oder „mein Opa das auch immer schon gesagt hat“. Jede Erklärung ist gleichermaßen wertlose, priesterliche Beruhigung nach dem Motto: Find‘ Dich halt damit ab! Zumal die Naturwissenschaft und Medizin, die Menschen immer über einen Kamm schert und über den dicken, statistischen Daumen peilt: Die mikrobiologischen Wahrheiten gelten für den Durchschnittsprobanden, männlich, weiß, 25 Jahre, 180cm, blauhaarig und blondäugig. Also nicht wundern, wenn die Medis mal komische Sachen in Eurem Körper machen, da seid ihr schließlich selber schuld, wenn ihr nicht dem genormten Durchschnitt entsprechen wollt.

Angesichts der Faktenlage können wir uns auch genausogut selber unterhaltsame Erklärungen aus den Fingern saugen und sehen, wo wir damit landen.

Toleranz – wie erklär ich’s Oma, die immer mein Pflänzchen gießt?

Mit der berüchtigten Toleranz verhält es sich nämlich so: Hanf macht eigentlich nichts außer ein wenig high, erhebt einen also nur ein bißchen. Stell Dir vor, Du bist einem Hotel, in dem alle Zimmer gleich eingerichtet sind. Bett, Fernseher, Badezimmer, überall gleiches Fabrikat, gleiches Design. Nüchtern hast Du ein Zimmer im ersten oder zweiten Stock. Aus dem Fenster sieht man nichts besonderes, ein dreckiger Hinterhof, die Fassade gegenüber, am besten bleiben die Vorhänge zu, man macht sich frisch und geht schnell raus in die Stadt, was erleben. Wenn man nun ein bißchen Hanfharz in die Blutbahn jagt, wirkt das auf das Realitätsempfinden wie eine vorübergehende Umquartierung nach oben, high up in den 10. oder 20. Stock. Der Fahrstuhl hoch ist eine nette Spielerei, da gibt es ein paar bunte Knöpfe und man spürt beim Hochfahren so ein lustiges Prickeln im Bauch. Oben nun ist die Aussicht überwältigend. Die ganze Stadt liegt Dir zu Füßen, nachts verwandelt sie sich in ein glitzerndes Lichtermeer und der Sonnenuntergang ist einfach ein phänomenaler Genuss, ganz anders als in der dunklen Bude unten. Das kann man 10 oder 15 Minuten bewundern. Dann aber findet man sich eigentlich im selben Zimmer wieder, Bett, Fernseher Badezimmer, alles gleich. Und wenn man noch einen ballert, solange man noch high im obersten Stock auf dem Bett chillt, ändert sich erst mal genau gar nichts.

Es ist oben halt ein bisschen netter. Es sprechen mehr Gründe dafür als degegen, immer in den oberen Etagen einzuchecken. Die Aussicht ist schön und man bleibt gern etwas länger auf dem Zimmer. Es ist nicht schade um die ein oder andere halbe Stunde, die man nicht im richtigen Leben in der staubigen Stadt verbringt.

Könnte hier eine Erklärung dafür liegen, warum eine völlig harmlose, oft auch total unzureichend wirksame Billigmedizin von einem Allerweltsunkraut zur furchtbaren Teufelsdroge werden konnte?

High sein ist heute ein Privileg

Das gute Leben spielt sich selbstverständlich oben ab. Das war aber nicht immer so selbstverständlich. Erst mit ausreichend Elektrizität kann man Menschen und Frischwasser in hohe Wohntürme pumpen, zu diesem Zeitpunkt erst zogen der Vorstand und die Präsidentensuite in die oberen Etagen. Das geschah übrigens vor kaum hundert Jahre, in vielen Teilen der Welt, auch in Deutschland flächendeckend erst vor 60 und weniger Jahren.

Bevor wir alle Fahrstühle und Wasserklos in der Wohnung hatten, waren die wichtigen Geschäftsräume selbstverständlich ebenerdig, total grounded und die Belletage, die Herrschaftlichen Wohnungen maximal im ersten Stock. High above dagegen hausten die Dienstboten und Habenichtse, wo sie in Dachkammern auf das seltene Privileg warten durften, vielleicht auch mal vom Dienstherrn missbraucht zu werden, aber meistens eher an Tuberkulose unauffällig und unterernährt vor sich hin starben. Wer in dieser guten, alten Zeit nichts besaß außer uninteressanten Armeleute-Krankheit und selbstverständlich kein Geld, um sich angemessen behandeln zu lassen, der bekam natürlich Cannabis in der Apotheke, in Westdeutschland übrigens bis in die 1950er erhältlich. Arme Leute durften high sein, soviel sie wollten, denn in den oberen Etagen der Gesellschaft zu leben, bedeutete Treppensteigen, nachts in einen Kochtopf kacken und ohne ausreichenden Schutz vor Wärme, Kälte, Regen und all den anderen sozialen Härten wohnen.

Der legale Status einer Droge hängt also nicht von Ihrer Wirkung und der meist geringen Gefährlichkeit ab, sondern von ihrem gesellschaftlichen Ansehen. Der Gesetzgeber fragt natürlich immer: Wer nimmt den Stoff und warum? Es gab beispielsweise eine Zeit, diesmal vielleicht vor 250 Jahren, da nahmen die Reichen einen Stoff, der wach macht und die Leistungsfähigkeit steigert, ein obskures Pulverzeugs aus islamischen Ländern. Das durften Arme selbstverständlich nicht anfassen, mitunter war das Hallo-Wach-Pulver natürlich streng verboten, denn der Import griff die wertvollen Devisenvorräte an. Die Polizei schickte tatsächlich Späher durch die Wohnviertel, die schnüffelten, ob da nicht jemand heimlich röstete.

Und zwar Kaffee

Der war nur für die reichen Bürger, die wach und konzentriert mussten, wenn sie im Erdgeschoss wichtige Geschäfte machten und dann nach oben in den Salon schritten zum frischgebrühten Drogengenuss aus teurem Porzellan. Derweil konnten Laufbursche und Lastenträger ihre kaputten Knie, Rücken und Lungen notdürftig mit Hanfsaft betäuben.

Das ist natürlich total barbarisch, ungerecht, vorsintflutlich und rückständig. Heutzutage beschützen uns vor diesem verderblichen High (vor dem Hanf, nicht dem Kaffee) Vater Staat, Mutter Merkel und Tante Mortler und wir danken es ihnen nicht. Dabei sollten wir alle verstehen: Es ist schädlich für das einfache Volk, mit Drogen das Denken und Fühlen der Oberklasse zu simulieren. Und überhaupt, wenn Cannabis zunehmend legalisiert wird in einem Land ohne regelmäßige Krankenversicherung, wo eine ernste Krankheit mal eben die Existenz kosten kann, sollten wie die Legalisierung nicht mit größter Sorge betrachten? Sie können sich keine neue Niere leisten? Nehmen Sie n Fläschen Cannabis-Tinktur, heute zum halben Preis, gut gegen Schmerzen und Zukunftsängste…

So wie dann der Kaffee ins Volk gesickert ist, als er, dank Kolonialismus, billiger wurde und die einfachen Arbeiten auch vom Proletariat Konzentration und Nüchternheit verlangten, ist der Hanf in dieser Zeit verschwunden. High sein wurde Privileg, nur für Menschen, die nicht auf der Straße von der Polizei angeschnauzt werden, weil sie sich eben einfach selten unten auf der Straße aufhalten. Die besitzlosen Anderen müssen nüchtern und wach sein bei ihren Jobs in den Läden und Montagehallen. Im Geist durch Koffein gefestigt, auf ebener Erde schön viel Mehrwert erwirtschaften, während die High Society von den oberen Stockwerken aus alles überwacht. Wenn einer von unten aber sich für ein paar Cent das wertvolle Penthouse-Gefühl einfach aufrollt und reinzieht, dann muss der strengstens bestraft werden. Zu seinem eigenen besten.

Alice Wunder

Ich bin gebürtiger Rheinländer, Journalist und Lebenskünstler. Als Alice Wunder (männlich, verheiratet) schreibe ich eigentlich nur für meinen Blog meinedrogenpolitik.wordpress.com Dort versuche ich, seit Anfang 2015 Geisteszustände zu erforschen. Und natürlich soll das verehrte Publikum gut unterhalten werden. Eigentlich wollte ich mal einen Artikel über Cannabis-Rausch schreiben und habe Daniel kontaktiert. Daraus wurde aber nichts, denn er hat mich gleich angeheuert, ab und zu bei Cannabis-Rausch mitzumachen. Denn ich verfüge über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung mit Cannabiskonsum. In meiner Jugend, in den 1990er Jahren bei Köln hat mir das Kraut mein Abitur gerettet. Denn oft war eine Kaffeefahrt ins nahe Maastricht während einer Freistunde die einzige Motivation, überhaupt in der Schule zu erscheinen. Dann aber war ich sehr angepasst, friedlich und entspannt im Unterricht körperlich anwesend und wurde für dieses Engagement mit guten Noten belohnt. Die Kehrseite der Medaille sind wenig lebenspraktische Fähigkeiten, dafür viel Liebe zur Literatur, welche ich gern in eigenen Texten auslebe.

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