Über kolumbianischen Schamanismus, Cannabis und Synästhesie

Ein Artikel von Emilie Schmidt

Sommer 2018: Es war allerhöchste Zeit mich zu heilen – mit der westlichen Philosophie konnte mir nicht geholfen werden, denn sie hatte mich krank gemacht. Nun suchte ich Heilung in älteren, weiseren Kulturen, die andere Wege gegangen waren. Als ich von meinem ausgewanderten Freund nach Kolumbien eingeladen wurde, wo er den Spuren des Ayahuasca folgte, sagte ich sofort zu. Einige Monate später war ich bereits auf dem Weg in eine spirituelle Community, nahe San Agustin, im Süden des Landes…

Zunächst musste ich aber mit der Millionen-Hauptstadt Bogotà vorlieb nehmen, die mir in meiner Lage eher wie eine Vorhölle vorkam. Hier war weit und breit kein Hauch von alten Traditionen oder Heilung: Eine brutale Städtebauplanung der 60er Jahre und der kapitalistische Lifestyle hatten sich mit einer guten Priese Chaos und Hektik zu einem post-apokalyptischen Monstrum vereint.

Pures Gras

An einem Abend traf ich mit einer befreundeten Person ein paar Bekannte, die sich auf einer Bank in einem Spielplatz die Zeit vertrieben. Wir setzten uns zu ihnen und ein Joint wurde herum gereicht. Normalerweise rauchte ich nicht, weil es seit einigen Jahren nahezu keine Wirkung mehr bei mir zeigte, aber um mich zu synchronisieren nahm ich einen Zug.

Im Laufe des Gesprächs fiel mir ein Kribbeln im Nackenbereich auf, dort, wo ich meistens Schmerzen habe. Dieses Mal war es nicht direkt schmerzhaft, aber auch nicht wirklich angenehm, denn es brachte eine ungemeine Spannung in meinen Körper. Bald darauf breitete sich die Spannung immer weiter aus und ich fühlte mich wie in eine kribbelnde Blase gehüllt. Mir wurde sehr schummrig, ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr auf Sprache konzentrieren oder meine Außenwelt fokussieren, meine Motorik war stark eingeschränkt und ich wurde völlig nach innen aufgesogen. Allmählich verstand ich, dass das auf den Joint zurückzuführen sein musste. Da musste doch was untergemischt worden sein!

Ich vertraute mich meiner Freundin an. Nach einigen Nachfragen wandte sie sich an die Jungs und versuchte herauszufinden, was mit dem Joint los sei. Doch die anderen waren auch völlig „normal“ und versicherten immer wieder, dass es nur pures Gras gewesen sei. Nun gut, das war pures Gras und nicht mit Tabak gestreckt, wie meistens in Europa, aber ich hatte nur einen einzigen Zug genommen. Das konnte mir nicht erklären, warum ich plötzlich so benommen war…

Zeit- und raum-loser Informationsgehalt

Während meine Ratio noch am Grübeln und Kämpfen war, eröffnete sich einem anderen Teil in mir eine zweite Welt. Ich begann im Pulsschlag zu „schwingen“ (das kannte ich schon aus tiefer Meditation) und nahm eine Art leuchtende Haut um die Menschen wahr. Auch die Pflanzen zersetzten sich nun zu leuchtenden Lichtpunkten und der Zwischenraum, die Luft, war von Dreiecken durchzogen, besser gesagt von Vektoren, die sich durch ihre Schnittpunkte zu Dreiecken zusammensetzten.

Meine Ratio, die nicht verstehen wollte, was dort passierte, wurde nun von einem anderen Anteil in mir überschattet, der eine unglaubliche Ruhe und Vertrauen ausstrahlte. Manchmal schwappten Gedanken über meine Außenwirkung oder ähnliches wellenartig herein, doch die meiste Zeit empfand ich eine unglaubliche Klarheit und Sicherheit in dem, was ich dort erlebte.

Eine andere Dimension

Ich konnte klar unterscheiden zwischen dem, was wir für gewöhnlich sahen, und dem, was sich wie eine zweite Realität über dieses Bild schob und nur schwer zu fokussieren war. Je weiter ich in die Ferne sah, desto einfacher war es, die Konzentration zu bewahren, je näher ich „heranzoomte“ desto detailreicher und überladener wurde das Bild. Ich stellte meine Augen in eine Art Non-Fokus, um halbwegs stabil zu bleiben. Das eigentliche Problem an meiner ungewohnten Lage war aber nicht der visuelle Input, sondern der Informationsgehalt, der darüber wie ein Symbol oder ein Schlüssel vermittelt wird. Jedes Ereignis hat einen scheinbar zeit- und raum-losen Informationsgehalt, in den man immer weiter herein-zoomen kann und der niemals endet. Es sind so viele Dinge, die sich gleichzeitig überall ereigneten – alles fühlte sich an wie ein nicht enden wollender Geistesblitz…

Meine Reise dauerte noch bis spät in die Nacht, erst als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich wieder halbwegs „beisammen“.

Meine nächsten Erfahrungen mit Cannabis spielten sich im Laufe des folgenden Monats in der Community ab, in der ich mittlerweile eingetroffen war. Sie zeigten mir immer wieder neue Facetten und verfeinerten meine Orientierung in dieser Welt. Ich entdeckte das Hören-Sehen – Geräusche zeigten sich hauptsächlich in Form von Vektoren, besonders Kommunikation zwischen Personen und ihre Intentionen konnte ich so wie ein Theaterstück verfolgen.

Für die Menschen in der Community war es kein Problem mit meinen Wahrnehmungen umzugehen – ganz im Gegenteil – es gab noch einige andere, die ähnliche Fähigkeiten hatten und die darin deutlich erfahrener und bewanderter waren als ich. Sie halfen mir mein „Sehen“ zu schulen und diese Anteile in mir zu integrieren, die in der westlichen Hemisphäre hauptsächlich als verrückt abgestempelt werden. Stück für Stück realisierte ich dadurch, was mich in Europa so krank gemacht hatte – es war meine Unfähigkeit meine seltene Wahrnehmungsform zu akzeptieren und zu integrieren. Letztendlich hatte sie mich schon mein ganzes Leben begleitet, nur hatte ich sie durch meine angezogene Wertevorstellung unterdrückt. Erst dort, wo ich sie zulassen konnte, zeigte sie sich in ihrem ganzen Umfang.

Mit Ayahuasca hatte ich bis dahin immer noch keine Erfahrungen gemacht.

Nach mehrmaligem Aufschieben der Zeremonie, begab ich mich auf die Reise in eine Region, in der noch viele praktizierende Taitas, wie man Schamanen hier nannte, lebten, und machte dort innerhalb eines Monats mehrere Zeremonien mit. Diese Reisen waren für mich sehr prägend, jedoch in der Intensität dem Cannabis ebenbürtig – obgleich ich viel mehr Respekt vor der angepriesenen Wundermedizin hatte.

Die Ähnlichkeit zwischen der Wirkungsweise der Pflanzen auf mich wurde mir aber erst bei meiner bislang längsten Reise bewusst, die durch einen versehentlich getrunkenen Ganja-Kakao nach meiner Rückkehr in die Community ausgelöst wurde.

Sie führte mich in sehr große Weiten oder Tiefen und erklärte mir Zusammenhänge im Universum und in der Community. Alles hatte einen universellen Wahrheitsgehalt, der sowohl im Großen wie im Kleinen seine Gültigkeit hatte. Alles basierte auf Fraktalen. Ich wurde auch mit den Sanskritzeichen konfrontiert, traf auf Geister und ich nahm Kontakt mit dem ungeborenen Baby der Community auf. Letztendlich verstand ich, dass dies eine unendliche Bibliothek war, in der man lernen musste, sich zurecht zu finden, wie in einer gewöhnlichen Bibliothek auch, wenn man seine Recherchen machte. Man durfte sich nicht in einem Buch festlesen, wenn man nicht den Faden verlieren wollte.

Nach meinem Aufenthalt in dieser „Bibliothek“ und einer kurzen Phase der „Besinnung“, in der ich das Wesentlichste aufschrieb, überfiel mich eine unglaubliche Müdigkeit, sodass ich in eine Art Schlaf fiel, ohne zu schlafen. Mein Körper ruhte sich aus, während mein Geist arbeitete. Ein guter Freund begleitete mich während der ganzen Reise. Er gab mir eine schamanische Reinigung, eine Limpieza, und spielte schamanische Lieder auf der Mundharmonika. Ich verfiel in eine Art Fiebertraum, in dem ich alle paar Sekunden meine Erinnerungen verlor, aber jedes Mal das Gefühl hatte, wie ein Eiswürfel zu schmelzen und als Flüssigkeit im Nichts zu verschwinden. Dann vergaß ich wieder alles, um wieder von der Erinnerung hochgeschreckt zu werden. Ich weiß nicht wie lange dieser Zustand anhielt. Irgendwann war ich auch draußen auf einem Platz vor dem Haus. Ich lag dort auf einer Decke und ruhte meinen Körper aus, während mein Geist alle möglichen Dinge verarbeitete. Ich fühlte mich weder gut noch schlecht.

Ich war einfach erschöpft, sehr erschöpft.

Nach einer Weile tauchte eine Person hinter mir auf – ein geheimnisvoller Freund aus der Community, der gerade nach mehreren Jahren erst wieder zu sprechen begann. Er hatte einen gespaltenen Bambusstock dabei, mit dem er sich hinter mich stellte und immer wieder rhythmisch rasselte. Ab und zu legte er seine Hand oder den Stock auf mich. Ich war einfach da und fragte nicht wieso, er schien damit meinen Zustand zu stabilisieren. Als es dunkel wurde beendete er sein Tun und es begann heftig zu regnen. Wir verschwanden im Haus. Ich schlief auf dem Sofa ein. Nach einiger Zeit erwachte ich unter heftiger Übelkeit und Krämpfen. Mich überkam starker Brechreiz, der mich dazu brachte das Sofa zu verlassen, obwohl ich mich nicht in der Lage fühlte meinen Körper zu koordinieren. Mein Sichtfeld pulsierte und rauschte und ich hatte Schwierigkeiten den Weg raus zu finden und erbrach mich schließlich in ein Beet vor dem Eingang. Bei Sonnenaufgang kam ich langsam zu mir und sah in einen wunderschönes in Nebel gehülltes Bergpanorama. Die Reise war nun überstanden.

Mein Ausblick

Die Medizin nimmt uns ein

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich gedacht, dass all diese Zustände nur dem Ayahuasca zuzuschreiben wären. Doch nun musste ich realisieren, dass das Cannabis bei mir dieselben Effekte verursachte, nur in einer anderen Reihenfolge.

Die Schamanen sprachen beim Ayahuasca von einem Spirit. Die Heilpflanzen seien Spirits, die sich in dieser Form auf der Erde inkarniert hätten, um uns bei unserer Heilung zu helfen. Wenn wir eine Zeremonie machten, seien es in Wirklichkeit nicht wir, die die Medizin nahmen, sondern die Medizin, die uns nimmt. Sie führe uns wie ein Lehrer durch mehrere Etappen, immer an unseren derzeitigen Stand angepasst.

Nun sah ich, dass auch Cannabis einen solchen Spirit hat.

Auf einer Kiwa, einer überregionalen zeremoniellen Versammlung der Indigenen, wurde ich Zeuge einer interessanten Diskussion über die Sichtweise der Indigenen Bevölkerung zu Cannabis. Die meisten unter ihnen waren der Meinung, dass Cannabis bei einer Kiwa verboten gehöre, da es eine Prostituierte sei – es hätte kein kulturelles Zuhause und keine eingebettete Tradition, sondern würde nur als Rauschmittel missbraucht. Daher zerstöre Cannabis den Geist der Zeremonien. Andere hingegen waren der Ansicht, man müsse das Cannabis aus seiner verruchten Ecke befreien und ihm wieder zu einem würdevollen Umgang verhelfen, denn Cannabis sei eine heilige Pflanze wie Jagé (Ayahuasca), Peyote oder Tabak auch.

Ich erfuhr, dass es eine starke Spaltung zu diesem Thema gab, aber auch dass es Schamanen gab, die explizit Cannabis-Zeremonien abhielten und Cannabis zum „sehen“ verwendeten. Ich war also nicht die Ausnahme, aber nicht jede/r hatte die Voraussetzungen, um mit dem Spirit so nah in Kontakt zu kommen. Es scheint mir, als sei der Spirit sehr wählerisch geworden…

Zurück in Europa galt es nun meine gewonnenen Erfahrungen in meinen Alltag zu integrieren.

Doch ich musste feststellen, dass es nicht sehr einfach war, meine Überzeugungen am Leben zu halten, wenn das gesamte Umfeld einer anderen Weltsicht anhing. Erst als ich durch einen „Zufall“ ein Buch über Synästhesie in die Hände bekam (Farben hören, Töne schmecken, Richard E. Cytowic), fand ich eine Brücke zu unserer hiesigen Weltanschauung.

In diesem Buch (und in weiteren, aktuelleren Artikeln) wurde beschrieben, dass es einen kleinen Bruchteil von Menschen gäbe, die Geräusche sehen oder Farben schmecken etc… Diese Wahrnehmung spiele sich in einer anderen Bewusstseinsebene als die restliche Wahrnehmung ab und sei nicht willentlich provozierbar. Man gehe davon aus, dass es eine neurologische Verarbeitungsebene sei, die bei den meisten anderen Menschen im Bereich des Unbewussten angesiedelt ist. Bei Synästhetikern sei es, als ob die Grenze des Unbewussten in Richtung des Bewussten verschoben sei. Dadurch verarbeiteten die Betroffenen ein Vielfaches an Sinneseindrücken im Vergleich zu einem Nicht-Synästhetiker, was häufig zur Sinnesüberreizung führe. Auch der Konsum von psychoaktiven Substanzen könne erheblich intensivere Auswirkungen als bei Nicht-Synästhetikern haben, weil die Hirnschranke nicht im gleichen Maße überbrückt werden müsse.

All dies sind Erfahrungen, die ich absolut teile.

Zeitgleich machte ich die Bekanntschaft mit einem Psychiater, der auf der Suche nach Verfahren war, mit denen man beweisen kann, dass Menschen, die Stimmen hörten, sich diese nicht einbildeten.

Tatsächlich bin ich auf meiner Reise durch Kolumbien sehr vielen SynästhetikerInnen und StimmenhöhrerInnen begegnet. In diesen Kulturkreisen sind diese Fähigkeiten fest in den Alltag integriert, meist in Form von Schamanismus. Ich denke nicht, dass wir nun alle zu Synästhetikern oder gar Schamanen werden müssen, aber dass eine weitaus größere Anzahl von Menschen diese Gabe hat und sich dessen nur nicht bewusst ist, oder sie nicht einsetzen kann, da diese Fähigkeit in unserer Kultur keinen Stellenwert (mehr) hat.

Europa hat eine einzigartige Kultur und der technisch-wissenschaftliche Fortschritt, der uns unsere Lebensweise ermöglicht, mag andere Werte, die einst auch hier verankert waren, in Vergessenheit gebracht oder gar ausgegrenzt haben. Doch das ist nur das Bild aus unserer jetzigen Perspektive – aus einer größeren Zeitspanne betrachtet ist dies nur ein kurzer Trend. Es ist ganz natürlich, dass man durch neue Entdeckungen alte Bräuche eine Weile links liegen lässt. Doch es scheint, als käme die rational anmutende Wissenschaft nicht mehr darum herum transpersonale Erfahrungen und schamanisches Wissen anzuerkennen und zu integrieren. Dies wird natürlich enorme Folgen für unsere gesellschaftliche Sichtweise haben, es scheint ein Paradigmenwechsel einzutreten, der letztendlich nicht nur Ayahuasca, sondern auch Cannabis zu einer neuen Bedeutung in unserer von Technik dominierten Gesellschaft verhelfen kann.

Ich möchte dazu appellieren unsere Beziehung zu Cannabis einmal genauer anzuschauen. Wenn wir aufhören Cannabis als Rauschmittel zu betrachten und beginnen ihm wieder seine volle Heilkraft und Wesensart als Kulturgut zuzusprechen, geben wir ihm seine Würde zurück und ermöglichen damit eine tiefere Verbindung mit der Pflanze und uns selbst.

Gastautor

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