Hippie in Las Vegas: High sein & Munchies im realisierten Klischee


17:30, ich sitze in einem der vier Sessel meiner bescheidenen Suite im Westgate Hotel, einem der urtümlichsten Monumente der als Sin City bekannten Partymetropole der Vereinigten Staaten von Amerika. In einer Stadt, welche in ansonsten unbekannten Maßstäben von den abtrünnigsten Trieben der Menschheit lebt: Glücksspiel, Prostitution, Alkoholismus, Geld. Die Grenzen verschwimmen zwischen diesen Kategorien, andererseits ist Las Vegas als realisiertes Klischee auch nur auf diese Aspekte begrenzt. Alle „Residents“, also einheimischen Menschen in diesen urtümlicherweise wüsten Gefilden, leben von den vielen Touristen, die genau danach suchen: Nach Glück, Sex, durchtorkelten Nächten und guten Gelegenheiten, sich von einem Teil des eigenen Vermögens gebürtig zu verabschieden. In Las Vegas gibt es die abgefahrensten Shows, von Magiern über Musicals bis hin zu erotischen Installationen findet man hier alles. Sin City geht auf die Sinne – nicht nur das seit 2018 legal erhältliche Cannabis, nicht nur der in Massen fließende Alkohol und nicht nur die niedrig- bis hochkomplexen Soundkulissen von Automaten-Geklimper bis mehrdimensionaler Audioinstallation: Vor allem die unheimlich vielen Lichter und Kunstinstallationen im inneren von Hotels und Kasinos machen es dem Besucher schwer, nicht in einen Strudel der unreflektierten Reizverarbeitung zu geraten. Eine der wenigen Kunstausstellungen in Vegas ist auf Grund der dahinterliegenden Dynamiken in der Entwicklung effizienterer Leuchtmittel deshalb auch ein Friedhof für Neon-Elemente.

Munchies

Dazu kommen einige der besten Restaurants der Welt, welche die gleiche Begeisterung auch auf den Gaumen übertragen: Vom 5 Zentimeter dicken und mehrere Wochen gelagerten dicken Prime Rib Eye bis zu einer neuen Dimension von Buffet ist alles dabei. Ich selber konnte mich mehrfach im erfrischend moderneren Wynn-Hotel davon überzeugen, dass meine deutsche Vorstellung eines All-You-Can-Eat-Angebots noch längst nicht an das heranreicht, was ein gut situierter Las Vegas-Reisender unter einem Buffet versteht: Mehrere hundert Meter lange Selbstbedienungstheken treffen auf hochwertige Lebensmittel und ein internationales Verständnis guter Küche. Hier wird im Gegensatz zu vielen Erfahrungen nichterfüllter Erwartungen an übervermarktete Gegenden Kaliforniens tatsächlich versucht, dem zahlenden Kunden ein unvergessliches Erlebnis zu bieten, was er so schnell nicht wieder vergisst. Ein teurer Besuch am Buffet soll es einfach Wert sein. 35,49 USD kostet der Spaß zum brunchen, dafür gibt es allerdings auch die größte Auswahl feinster Fleischspezialitäten, die ich je auf einem Haufen gesehen habe, 20m Seefood, extrem abwechslungsreiche Beilagen aller Kulturkreise und ein Dutzend Kochstationen, wo man sich alles vom gefüllten Crepès bis zum Misu zusammenstellen lassen kann. Es gibt überraschend viele traditionell eher einfache Zubereitungen wie eben das angesprochene japanische Misu oder auch die Reissuppe Congee, aber auch Sachen wie Gurken-Kokos-Smoothie, mit einem Spiegelei überzogene Hummer-Scheiben oder schokolierte Früchte. Bananenporridge, Truthahn, eiskalte Cocktailgarnelen, Austern, unzählbare Antipasti und – was mich besoders gefreut hat – die extra lang gelagerten braunen Oliven, die besonders aromatisch schmecken. Die, wovon man in Oliven-Mischungen in Deutschland immer nur zwei, drei in der Packung hat, weil deren Herstellung so zeitintensiv und damit kostentreibend ist. Witzig: Es gab sogar Käse-Spätzle, die wie aus Schwaben schmecken: Allerdings mit Lobster, weil ohne Hummer nichts los in Vegas.

Memories

Ein paar Stunden eher bin ich noch über die endlosen Eiswelten Kanadas geflogen und habe mich bei Anblick des riesigen Sonnenballs in Calgary, direkt über dem international geschätzten Banff-Skigebiet im Südwesten Kanadas, ein wenig darüber geärgert, dass es nicht hier hin geht, sondern ins 40°C wärmere Las Vegas. Weil Natur einfach reinhaut und mich jedes Mal in ihren Bann zieht, wenn ich sie mit Ausdauer durchstreife. Doch allein der Flug übers winterliche Kanada hat mir so sehr imponiert, dass ich alles in allem doch sehr froh bin, jetzt 11 statt -30 Grad genießen zu dürfen. Über den Tag sind heute in Vegas sogar Regenwolken zugezogen und haben einen sehr stimmungsvollen Himmel über Trump Tower und Co erzeugt. Von der gnadenlosen Wüste, die sich über mehrere tausend Quadratkilometer durch den mittleren Westen der USA zieht, bekommt man gar nichts mit, wenn man sie im dunklen überfliegt und abends irgendwann mitten in Vegas landet, nur 5 Taximinuten von den großen Hotels entfernt. Das war letzten Herbst anders, als ich mit Daniel und unserem niedlichen Mustang bei wegen gefährlicher Hitze geschlossenem Verdeck erst Ewigkeiten die Wüste inklusive Death Valley durchqueren musste, um dann letzten Endes einen Blick auf die unzähligen uniformen Wohnhäuser vorgesetzt zu bekommen, welche den berühmten Las Vegas „Strip“ in alle Richtungen umgeben.

Damals hatten weder Daniel noch ich großartig Lust auf Las Vegas. Wir haben einen ziemlich budgetorientierten Camping-Road-Trip durch die mehr oder weniger frequentierte kalifornische Natur unbeschreiblicher Schönheit unternommen, da erschien uns das damals 40 Grad heiße Las Vegas wie ein verzichtbarer Kulturschock. Wir sind einmal mit dem Auto den Strip abgefahren und waren im Kasino im Treasure Island – weil dort das Parken kostenlos ist. Wir haben uns ein paar Stunden mit 7 USD Einsatz an den blinkend-piependen Automaten erfreut und ich habe sogar einen halben Blunt genossen, bis ich wegen zu offensichtlicher Instagram-Pralerei dieser verbotenen Kuriosität zweimal freundlich darauf hingewiesen wurde, dass der Konsum eines, Zitat, „Doobies“ im Kasino nicht gestattet sei.

Forbidden

Während Alkohol und Zigaretten mit Tabak quasi zum guten Ton in den Spielhallen zählen, herrscht dank amerikanischer Doppelmoral ein Cannabis-Konsum-Verbot in Las Vegas. Man kann es zwar überall kaufen, aber der Konsum ist für Touristen ohne Freunde in der Stadt ein illegales Unterfangen. Lediglich in privaten Wohnhäusern und Apartments ist der Konsum rechtlich abgesichert. In der Praxis ist deshalb Kreativität beim Konsum gefragt – also zum Beispiel eine gute Tarnung vor pflichtbewussten Gesetzeshütern und wachsamen Augen in Kasinos. Eine beliebte Lösung, um den genannten Begleitumständen des Cannabis-Konsums in Las Vegas mit Respekt zu begegnen, sind deshalb Vape Pens und Edibles. Die Devise lautet, möglichst unauffällig high zu werden. Und nachzulegen. Meine Erfahrung in meiner gestrigen, ersten Nacht in Vegas ist dabei folgende: Man kann mit zwei Strategien im Kasino high werden. Entweder man geht zum Dampfen aufs stille Örtchen oder man treibt den Konsum an der Bar oder dem gemütlichen Tisch auf die Spitze. Ich bevorzuge zweitere Variante, weil es im Endeffekt niemanden juckt, was man da für leckere Terpene in die ohnehin regelmäßig abgesaugte Luft exhaliert. Man kann den sichtbaren Dampf unter den Tisch blasen oder den Konsum ganz lässig und offensichtlich betreiben – solange alles routinemäßig normal aussieht, wird niemand darauf aufmerksam werden. Hätte ich damals mit dem Blunt nicht so super auffällig mit dem Smartphone rumgehampelt, hätte sicherlich auch niemand etwas gesagt. Noch sicherer: Neben dem Konsum einfach einen Dollar im Automaten verspielen – solange die Kundschaft ihr Geld verspielt und keine Aufsichtsbehörde in den Räumen unterwegs ist, ist jedes Mittel recht, um die Leute vor den Automaten zu binden. Es gibt sogar kostenlose Getränke, wenn man mit einer gewissen Summe am Automaten unterwegs ist. Wer Glück hat, bezahlt sogar einen negativen Betrag für das Bier, hat in dem Fall also Gewinn gemacht.

Im Titel stand was von Hippie in Las Vegas.

Aber im Text ging es bis jetzt eigentlich nur um Konsum. Dabei sind Hippie und Las Vegas doch zwei krasse Gegensätze, die den ein oder anderen Absatz zur Einordnung absolut verdient haben. Tatsächlich kann ich mich persönlich nicht mit der Zielgruppe der Stadt identifizieren – ich suche hier nicht nach Sex, nicht nach Möglichkeiten, mein nicht vorhandenes Vermögen auf den Kopf zu hauen und bin als Substanz-Fetischist und Anti-Alkoholiker auch definitiv nicht auf der Suche nach leckerem Craft-Bier oder Sekt mit Orangensaft, eine Kombination, die unter dem Namen „Mimosa“ bei allen Brunch-Liebhabern ab 21 bekannt ist. Mir als Cannabis-Connaisseur kommt da eher die Assoziation zur Cannabis-Sorte von den Jungle Boys in den Sinn, zur Mimosa26 habe ich [hier] sogar schon mal einen Test geschrieben.

Es dauert seine Zeit, bis man sich als konsumkritischer Mensch, der als Autor und Student sowieso keine großen Ansprüche ans Leben stellt, in Vegas angekommen ist. Doch spätestens beim Blick auf den Sinn meiner Reise wird klar, dass ich in dieser Woche nicht der einzige Hippie in Las Vegas bin. Es ist GlassVegas, eine der größten Hippie-Zusammenkünfte unserer Zeit. Einmal im Jahr treffen sich Glaskünstler von überall hier in der Stadt der annullierten Hochzeiten, um ihre rauchbaren Glaskunstwerke vorzustellen. Es ist die wichtigste Trading Show des Jahres, bei der viele Glaskünstler einiges an Geld in einen Stand in der Convention Hall des legendären Westgate Hotels am Ende des Strips investieren, um kaufwilligen Glas-Galerie-Besitzern ihre neuesten Werke für gutes Geld anzubieten.

Wie auch ich, sind die Glaskünstler nicht die eigentliche Zielgruppe von Las Vegas. Schon viel eher die potentiellen Kunden, die nicht nur bereit sind mehrere tausend Dollar in eine Glaspfeife zu investieren, sondern auch in teure Steaks, aufwändige Shows und prunkvolle Hotel-Suiten. In Taxi-Fahrten, „außergewöhnliche“ Erlebnisse oder eine Runde im nachgebauten London Eye-Riesenrad. Doch für die Künstler ist die Glass Vegas auch mehr als nur eine Verkaufsshow. In diesen drei Tagen im Jahr nehmen sie so viel Geld ein, dass auch sie plötzlich zur absoluten Party-Zielgruppe werden.

Im nächsten Artikel zu Las Vegas werde ich darüber berichten, welche Magie von den Glaskunstwerken ausgeht, welche Exzesse die ansonsten in beschaulichen Städtchen nachhaltig lebenden Glaskünstler in der einen Woche in Las Vegas feiern und welche tiefen Verbindungen die Glasszene mit Dealern, Growern und anderen Facetten der Cannabis-Kultur seit Jahrzehnten eingegangen ist.

Lorenz

Lieblingsfarbe Grün - Farbe der Hoffnung, Farbe meiner politischen Heimat und Farbe meines Lieblingskrauts. Weitere Buzzwords meines Lebens sind Fotografie, Reisen und die Liebe zum geschriebenen Wort. 1997 wurde ich im tiefsten Osten geboren und bin trotzdem (oder gerade deswegen?) ein linksgrünversiffter Gutmensch geworden. Nach 1,5 interessanten Jahren dualer Studiertätigkeit im Fach Wirtschaftsinformatik widme ich mich mich im Moment ganz im Sinne meiner Bloggertätigkeit einem Bachelor in Gartenbau.

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